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Die Apokalypse findet nicht statt

Post-Essen-Analysen müssen natürlich  irgendwie immer negativ sein. So funktioniert kritischer und damit professioneller Journalismus! Entweder waren die Hallen schlecht oder die Toiletten überfüllt oder Verlage sind pleite oder nehmen gar nicht erst an der Spiel teil (so wie Winning Moves 2013 oder White Goblin Games 2014) oder die Amerikaner bevorzugen GenCon oder es gibt viel zu viele Spiele.

Ähm Moment mal – Zu VIELE Spiele? Sollten auf einer Spielemesse nicht viele Spiele vorgestellt werden? Ist das nicht irgendwie der Sinn der Veranstaltung? Matthias hat sich letzte Woche dieser Frage bereits gewidmet. Von mir eine Ergänzung:

Meistens wird die Lage mit dem französischen Comicmarkt verglichen, der in den Neunziger Jahren mehr oder minder impoldiert ist. Der große Unterschied: Es war der FRANZÖSISCHE Comicmarkt. Die Spieleflut ist aber so groß, weil der Markt vor allem international wächst: Erst kamen die Skandinavier und Engländer, dann der Ostblock mit den Tschechen, Polen und Russen (und einigen Baltikstaaten und Rumänien) und Griechenland. Dieses Jahr wuchs Asien stark: Neben den bewreits etablierten Japanern und Koreanern sah man eine Menge Taiwanesen aber auch einen Verlag aus Indonesien und Malaysia. Südafrika habe ich auch entdeckt. Und ich würde mich nicht wundern wenn in den nächsten Jahren noch Verlage aus Mittel- und Südamerika dazukämen. Damit wird die Spieleflut vielleicht (!)  größer, auf jeden Fall aber auch der Absatzmarkt. Sicher, ein Spiel geht schneller unter, umgekehrt erreicht ein erfolgreiches Spieler aber international auch viel schneller 5- und 6stellige Verkaufszahlen. Das Risiko mag steigen, lässt sich aber durch Dinge wie Crowdfunding oder zusammenlegen von Vertriebsstrukturen (siehe Asmodee) und Partnerschaften auch wieder senken.

Um den Spielemarkt mache ich mir daher keine Gedanken!

(Einschub: Wenn man sich die deutschen Verlage ansieht, haben die ihre Spieleanzahl auch gar nicht unbedingt erhöht: Alea und Hans im Glück, aber auch Kosmos und Abaccus bringen in etwa noch genauso viele Spiele auf den Markt wie vor zehn Jahren. Amigo bringt gefühlt eher weniger Spiele heraus. Queen hat schon immer geschwnakt, dieses Jahr war eher Durchschnitt. Pegasus und Asmodee sind allerdings hinzugekommen. Letztere sind aber hauptsächlich ein Dach für französische Verlage).

Diese -willkommende – Diffusität ist auch in meinen Augen der Grund dafür, dass immer wieder das Fehlen eines „Überfliegers“ vermisst wird. Ich habe mich letztes Jahr schon mit den Gründen befasst und möchte daher nur ergänzen: Das letzte Spiel, dass bereits auf der Messe als Überflieger gehandelt wurde, warnach meiner Wahrnehmung  7 Wonders. Das war 2010, ist also vier Jahre her. Village, Hanabi, Terra Mystica, Tzolkin, Andor, Love Letter or Robinson Crusoe waren danach alles keine Überflieger. Wenn das stimmt, dann ist das Wort „Überflieger“ in meinen Augen bedeutungslos (ich mag nicht alle die genannten Spiele, aber ich denke dass all diese Spiele moderne Klassiker werden – VErkaufszahlenmässig stehen die alle soweit ermittelbar gut da). Und so wird es auch dieses Jahr Spiele geben, die ihren „Überflieger-Status“ erst noch nachträglich bekommen. Ein Kandidat wäre z.B. Abraca…What? das -sobald es irgendein Verlag in deutsch macht – garantiert den SdJ-Titel gewinnen wird. (Ja, garantiert. Sowas steht fest. Hat man ja am Titelgewinn von  Splendor gesehen)
Das „Fehlen“ eines Überfliegers ist damit ein weiteres Zeichen für die Größe und Diffusitäts unseres Hobbys. Es ist eben keine Nische mehr, deren wichtigeren Vertreter man in vier Tagen locker überschauen, spielen und abhaken kann . Es ist ein international anerkanntes Medium, bei dem niemander mehr alles kennen kann, bei dem jeder das eine oder andere Spiel übersieht. Ist es nicht das was immer gefordert wurde?

ciao
peer

Peer Sylvester
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6 Kommentare

  • Zu viele Spiele? – darüber habe ich mich auch gewundert, gerade wenn das von Journalisten oder Rezensenten kommt.

    Ist es doch deren Job, quasi ein Stück Existenzberechtigung hier ein bisschen für Orientierung zu sorgen. Niemand beschwert sich, dass jährlich 100.000 Bücher auf dem deutschen Markt erscheinen, aber 850 Spiele auf einer Messe überfordert die schreibende Zunft?

    Gerade im Hinblick auf die Urheberrechts- und Kulturgut-Diskussion ist hier Potential die Spiele nicht nur unter dem Gesichtspunkt zu beurteilen: „Funktioniert es; macht es Spaß“?, sondern auch danach, ob es darüberhinaus noch etwas gibt. Bisher werden Spiele zu oft auf diesen Gebrauchswert reduziert, der nicht ganz unwichtig ist. Aber werden Filme ausschließlich danach beurteilt, welchen Unterhaltungswert sie haben? Spiele und Spielerezension sind da immernoch auf dem SpielZEUG-Level, was bei einem Teil der Spiel ganz angemessen ist, aber eben nur bei einem Teil.

    Was kann das Spiel als Medium? Will es irgendwo als solches ernst genommen werden? Peer Sylvesters „Wir sind das Volk!“ fällt mir da als erstes ein … Was wird umgesetzt? … Wie wird es umgesetzt? … Was fehlt? … Was ist gut gelungen? …

    Auch wenn ich mir für das einzelne Produkt oftmals etwas mehr Zeit wünsche, eine Pause im Veröffentlichungsstress, bedeuten viele Spiele goldene Zeiten für Spieler und für Spiele-Rezensenten (beides beiderlei Geschlechts), aber sicherlich nicht zu viele.

  • Da bringst du mich auf was…
    Vielleicht ein weiterer Faktor: Spieler (und Spieleseitenredakteure) konzentrieren sich oft auf ein bestimmtes Marktsegment. Wer sich nur die Vielspielerspiele ansieht und etwa (überspitzt) den neuen Feld, den neuen Rosenberg, das neue von Alea, Eggert oder Whatsyourgame mit dem Feld/Rosenberg/Alea/Eggert/Whatsyourgame vom letzten Jahr bvergleicht, der kommt natürlich zu dem Schluss, dass sich da jetzt nicht so viel dramatisches geändert hat, dass es keinen Überflieger gibt, dass man die neuen komplexen Vielspielereuros nicht alle unbedingt braucht, weil sie so sind wie die vom letzten Jahr.
    Aber da wird ein großer Teil der Diversivität des Marktes ausgeblendet.

  • Was sind denn überhaupt „Überflieger“?
    Die Spiele, die MIR am Besten gefallen haben (abgesehen von der Andor-Erweiterung), waren eher leichte Strategiespiele wie „Auf nach Indien“, „Nations Würfelspiel“ oder „Port Royal“.
    Solche Spiele fallen aber leider leicht unter dem Radar der Spiele(r)szene – sind wohl (per Definition) nicht „mächtig“ genug…

  • Lieber Günter, lieber Peer,
    schön geschrieben und volle Zustimmung von meiner Seite.
    Es ist schade, daß nicht mehr Spieler/innen auf die Suche abseits des Mainstream gehen, was da noch an Neuem herausgekommen ist…
    „Wir sind das Volk“ ist leider (peinlich.. :-)) an mir vorbei gelaufen, aber ich seh´ schon, daß es unbedingt auf den Tisch muß.
    Bis bald
    Till

  • […] Ähnlich gelagert ist mein Verhältnis zu dem Legacy-System und zu T.I.M.E Stories, beides anscheinend Ausgeburten des Kapitalismuses wenn man manches Post in den diversen Foren für bare Münze nimmt.  Nun habe ich beide noch nicht gespielt, aber ich möchte mir die Vorwürfe ein bisschen näher ansehen. Natürlich sei jedem seine Meinung gegönnt -und ich kann es durchaus nachvollziehen, wenn jemand entscheidet Spiel x it nichts für ihn – auch wenn dieses x für Pandemic Legacy steht. Schließlich sind andere Spiele auch nichts für mich – ich habe z.B. keinerlei Interesse an Caverna – dennoch erscheint mir manche Reaktionen sehr übertrieben. Für den einen oder anderen ist die blosse Existenz dieser Spiele bereits eine Beleidigung oder zumindest erstes Zeichen der drohenden Apokalypse (wieder einmal) […]

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