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Der Markt kickt zurück!

Kickstarter. Ja, da haben wir ja lange nicht mehr drüber geredet

Ich würde jetzt nicht so weit gehen, zu sagen, dass die Goldgräberstimmung um ist oder gar das Katerstimmung eingesetzt hat oder so, aber Kickstarter hat in durchaus eine gewisse Entwicklung durchgemacht. Es wird nicht mehr jeder Mist gebacked, was auch damit zu tun hat, dass die Anzahl der Kickstarterfinanzierten Spielen exorbitant zugenommen hat. Und das heißt, dass der Markt gnadenlos aussortiert – wer nicht Dagobert Duck ist, muss auswählen, was er unterstützt. Hinzu kommen einige Projekte, die ziemliche Unzufriedenheit hinterlassen haben, was übersprungene Deadlines und ähnliches betrifft. Das hat den einen oder anderen Vorsichtig werden lassen. Umgekehrt rückt Schwarmfinanzierung bei immer mehr Leuten in den Fokus, aber dieser Effekt wird irgendwann ein Ende haben.

Ich wage mal eine wilde Prognose: Insebsondere drei Kategorien an erfolgreich finanzierten Spielen werden sich herauskristallisieren:

1.) Spiele mit Miniaturen. So zumindest der Trend: Je größer die Materialschlacht, so scheint es, desto egaler, was eigentlich hinter dem Projekt steht. Dahinter steht vielleicht die Logik, dass man wenigstens tolles Material angehäuft hat, wenn das Spiel schon nix taugt. Die Frage ist allerdings: Läuft dieser Trend aus oder springen auch Designer, die es eigentlich nicht nötig haben, zu blenden auf den Zug auf und rüsten ihre Spiele mit Miniaturen hoch? Ich persönlich hoffe auf ersteres, denn auch wenn ich tolles Material mag: Ich mag die damit verbundenen Preise nicht, zumindest nicht für eine klassische Beutelkatze.

2.) Nischenprodukte, mit einer klar definierten Zielgruppe. Genau für die wurde Kickstarter ja eigentlich erfunden und ich glaube auch dass das funktioniert – das sieht man ja z.B. an Steam Noir sehr schön (das lief unter Startnext, nicht Kickstarter, aber ist trotzdem – oder gerade deswegen – ein gutes Beispiel). Ich denke, dass Spiele, bei denen es deutlich ist, dass das Team dahinter, weiß was es tut und die nur deshalb Schwarmfinanziert werden, weil die Zielgruppe für einen Verlag zu klein (oder zu unbekannt) ist auch weiterhin erfolgreich Schwarmfinanziert werden. Auch bei Kickstarter.

3.) Verlage, die sich auf Kickstarter konzentrieren oder sowieso etabliert sind. Hier ein typischer Zwiespalt: Einerseits hätten es die meisten Spieler gerne, wenn sich nur Independend-Leute auf den Crowdfundingseiten tummeln. Andererseits sind Spieler auch Kunden, die gerne möglichst schnell ein möglichst professionelles Produkt in den Händen halten wollen. Das ist nicht immer miteinander vereinbar, denn begeisterte Autoren sind nicht unbedingt gute Produzenten geschweige denn gute Buchhalter geschweige denn dass sie groß Ahnung von Dingen wie Vertrieb oder Werbung  haben müssen. Viele der spektakulär schief gegangenen Projekten sind schief gegangen, weil die Beteiligten mit der Logistik überfordert waren, die notwendig ist, um mehrere tausend Spiele zu fertigen und natürlich auch zu vertreiben. Und Geld verbrannt wurde auch, weil die Finanzierung nicht stimmte (gerade wenn Stretch Goals oder internationaler Versand hinzu kommen, ist die nötige Buchhalterei recht vertrackt). Insofern ist es irgendwie logisch, dass gerade die Projekte gut klappen, die von Leuten gestemmt wurden, die bereits Erfahrungen mit Produktion und Vertrieb von Spielen gesammelt haben. Ergo Verlage. Und die werden dann weiter unterstützt, weil man ja gute Erfahrungen hatte. Das sieht man an Verlagen wie Tasty Minstrel Games oder Minion Games, die bereits vor Kickstarter aktiv waren, aber erst mit Kickstarter richtig durchgestartet sind. Und der Erfolg lockt natürlich auch etablierte Verlage an – der Werbeeffekt ist enorm und das Risiko geringer als auf herkömmlichen Weg. Daher wird die Anzahl der Verlage, die Kickstarter o.ä. nutzen eher steigen als sinken. Im Moment ist die Angelegenheit noch mit einem ideologisch begründeten Imageverlust verbunden, aber das wird sich geben. Außerdem werden die wenigsten Verlage Knall und Fall auf Crowdfunding umsteigen, sondern eher erst einmal besondere Projekte vorziehen – so wie Ogre von Steve Jackson (Materialaufwendig) oder The road to Canterbury von Gryphon Games (ungewöhnliches Thema). Ich kann mir gut vorstellen, dass Projekte wie die Collectors Edition von War of the rings oder das 3D-Catan zukünftig schwarmfinanziert laufen werden.

Wäre das eine schlechte Entwicklung? Das kommt drauf an – Ideologisch ist das natürlich nicht, was Kickstarter sein will, denn die großen Verlage versperren die Sicht auf die Kleinen und die Gefahr besteht, dass die Projekte aus Gruppe 3 den Projekten aus Gruppe 2 das Wasser abgraben. Andererseits bietet Schwarmfinanzierung auch den Verlagen eine Möglichkeit der besseren Marktorientierung: Wollen Spieler wirklich keine abstrakten Spiele? Ist tatsächlich eine Mehrheit bereit für echte Metallmünzen oder dickere Stanzbögen mehr zu bezahlen? Erhöht ein Regelerklär-Video die Kaufbereitschaft? Kommt Thema A oder Thema B besser bei Kunden an? Das sind alles Fragen, die sich zu bestimmten Teilen per Schwarmintelligenz und -kaufbereitschaft klären lassen können. Und das wird früher oder später auch geschehen. Die Frage ist nur wann. Ideologie hin oder her – der Markt wird entscheiden. Aber das macht nix…

ciao

peer

 

Peer Sylvester
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1 Kommentar

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