Verlagsvorstellung Ajcraft

Es ist lustig: Ich mache ja nun schon regelmäßig Interviews, bin aber immer wieder überrascht wie unterschiedlich meine Interviewpartner agieren. Einige fassen sich extrem kurz und man muss alles nachfragen. Andere ignorieren die Fragen völlig und schreiben, was sie wollen. AJ  von Ajcraft gehört zu letzteren Gruppe. Da er aber viel über sein Spiel First Strike zu sagen hat, ist das OK. Es ist ein interessantes Spiel und ich brauche dann nicht noch einmal auf die Mechanismen einzugehen. Also: Erst das “Interview” mit AJ, dann der Covershot von First Strike und dann mein erster Eindruck!

Bitte Stelle Dich doch kurz unseren Lesern vor!

Mein Name ist Ken Feucht und ich bin der einzige Mitarbeiter von AjCraft LLC. Ich bin im Umland von Akron, Ohio in den USA geboren und aufgewachsen. Als ich in der High School war, zog meine Familie nach Chicago und die Lehrer hatten Schwierigkeiten meinen Nachnamen auszusprechen. Einer meiner Mitschüler rief: “Ruf ihn einfach AJ!” (AJ Foyt war damals ein bekannter Rennfahrer) Der Spitzname blieb seitdem hängen. Ich habe meine eigene Firma, Ajcraft, im Jahre 2000 gegründet. Ajcraft macht Graphik und Residential Drafting. 2007 produzierte Ajcraft First Strike, ein Spiel aus meiner Feder.

Erzähle uns doch etwas über die Entstehungsgeschichte von First Strike!

Die Idee zu First Strike ist schon 20 Jahre alt. Ich hatte eine Gruppe von Freunden die Schach, Stratego und Risiko liebten. Ich wollte ein Spiel machen, dass das reale Risiko mit der Strategie aus Schach verband und den Zufallsfaktor beim Würfelwurf eliminieren würde. Mein erster Versuch war ein echter Overkill: Der Spielplan war in Hexfelder unterteilt und es gab Armeen, See- und Luftstreitkräfte, U-Boote, Basen, Raketen und Satelliten. Die Raketen waren eingeteilt in taktische, strategische, MIRVs und Anti-Missiles. Das ganze war viel zu kompliziert und verwirrend. Ich reduzierte es immer wieder bis zur heutigen Stückelung von Armeen, Seestreitkräften, taktische und strategische Raketen. Auch das Brett wandelte sich zum traditionellen Schachbrettmusterung. Das ermöglichte auch die Schachähnlichen Bewegungen: Armeen bewegen sich in jede Richtung, greifen aber nur orthogonal an, Seestreitkräfte bewegen sich auch in jede Richtung, greifen aber nur diagonal an. Taktische Raketen bewegen sich wie ein Springer beim Schach und Strategische wie ein Turm.

Der Spielplan benötigte mehr Entwicklungsarbeit. Das Konzept war, dass jedes Landfeld ein Gut produziert, dass zum Waffenkauf oder zur Kriegsfinanzierung verwendet werden kann. Es wurden letztlich 7 Güter: Mineralien, Nahrung, Industrie, Gold, Uran und Technologie. Damals in den 80er Jahren gab es ja noch kein Internet und so war es eine Heidenarbeit herauszufinden wo man diese Produkte auf der Welt findet. Die Gebiete wurden dann noch zu “Ländern” zusammengefasst, damit ich Boni vergeben konnte, mit denen man fehlende Ressourcen ausgleichen kann.

Wir haben das Spiel gründlich ausgestet und meine Freunde waren sehr glücklich mit dem Spiel. Eine kleine Auflage wurde 1986 produziert, kam aber nie auf den Mark. Ich war mit dem Spiel nicht glücklich: Fast jedes Spiel erreichte den Punkt, in dem jeder sich quasi eingrub und Waffen sammelte. Niemand traute sich was zu machen, aus Angst angegriffen zu werden. Zudem erlaubten die Regeln Bündnisse, die dazu neigten lange Diskussionen nach sich zu ziehen was erlaubt war und was nicht. Das Spiel dauerte 10 Stunden ohne dass sich ein Sieger abzeichnete. Auch mit dem Brett war ich unzufrieden: Die Ozeane waren zu klein, Europa war zu schwer zu verteidigen, Indien gab es nicht usw. Ich wusste dass das Spiel auf Dauer nicht fesseln würde. Dann kam die Zeit in der meine Freunde heirateten, Kinder bekamen und das Spiel wurde in den Schrank gestellt. Vielleicht ging es meinen Freunden auch weniger um das Spiel als um die gemeinsame Unternehmung.

2005 bekam ich dann einen Anruf von einem meiner ehemaligen Mitspieler. Wir trafen uns und nach etwas Brain-Storming überarbeiteten das Spiel und ich baute einige der besten Ideen ein: Ein Schnellstart wo man nicht nur seine eigenen Einheiten platziert, sondern auch die der Gegner. Neutrale Gebiete, die anfängliche Expansionen erlauben, ohne dass es gleich zum Konflikt kommt. Niedriegere Preise für Öl und Waffe, Verbot von Bündnissen und ein neuer Spielplan. Das Resultat war ein Hit! Jede Partie war einzigartig. Jedes Spiel hatte einen Sieger. Die Weltkarte war geographisch genauer. Es war das, was ich vor 20 Jahren erfinden wollte. Super!

2007 produzierte ich ein eine kleine Auflage und diese kam dann auf den Markt. Das Feedback war sehr, sehr positiv. Der einzige Kritikpunkt sind die Spielsteine, die sehr leicht und etwas fummelig in der Handhabung sind (Die werden für die nächste Auflage verbessert, aber ich werde den Preis anpassen müssen).

Das Spiel ist keine Massenware, sondern für den ernsthaften Spieler gedaxcht, der einen Nachmittag (oder Abend) mit der Eroberung der Welt verbringen kann.

Erzähle uns doch noch ein bisschen was zum Gameplay!

Du beginnst mit einigen kleineren Einheiten, die über die Welt verteilt sind. Deine Ressourcen sind begrenzt. Baue Armeen und bilde Stadtstaaten. Nimm dir wertvolle Ressourcen und wandele diese in Kriegsmaschinerie um.

Wenn du mehr Gebiete eroberst, bekommst du mehr Ressourcen. Erobere Länder und greife Boni ab. Baue deine Verteidigung aus. Beschütze deine Seewege mit Kriegsschiffen. Sende Soldaten aus um Inseln und Überseeterretorien zu erobern. Doch deine Gegner machen dasselbe. Konflikte sind ausausweichlich. Jeder möchte die Sahnestücken haben. Kriege brechen aus, Raketen fliegen. Wenn du eine Supermacht geworden bist, komplett mit einem kleinen Nukleararsenal , sind natürliche Barrieren kein Problem mehr.

Der Kampf ist Zufallsfrei – Wie in Schach gewinnt immer der Angreifer. Aber der Gegner kann eine entstehende Lücke nutzen und seinerseits angreifen – Du könntest eine Schlacht gewinnen, aber den Krieg verlieren. Solltest du auf Verteidugung spielen oder die Schwäche des Gegners zum Angriff nutzen? Denke dran: Wer als erstes angreift ist im Vorteil.

Das Wachstum der Mächte ist ein wichtiger Faktor im Spiel. Wenn jeder mit einem vollständigen Land beginnen würde, wäre das Spiel rein defensiv. Daher beginnt das Spiel sehr ungewöhnlich: Am Anfang werden neutrale, nicht-aggressve Einheiten aufs Brett gesetzt. Die andere Hälfte der Welt wird durch die Spieler besetzt. Aber man hat keine vollständige Kontrolle über den eigenen Startaufbau: Erst platzieren die Gegner die Einheiten auf dem Brett! Erst wenn du alle Gegner platztiert hast, darfst du deine eigenen Einheiten platzieren. Dadurch entsteht eine Landschaft wo niemand stark ist und die Ressourcen sehr begrenzt sind. Du musst dich auf einige Gebiete konzentrieren und andere vernachlässigen.

Für Militäraktionen stehen Armeen, Kriegsschiffe, taktische und Strategische Raketen zur Verfügung. Die Bewegung der Land- und Seestreitkräfte ist nur durch die Geographie eingeschränkt. Ihre Angriffsmöglichkeiten erlauben offensive und defensive Einsätze und erlauben es so, dass gegnerische Kräfte friedlich beienander kooexistieren. Raketen haben bestimmte Angriffsmuster, mit denen Schlüsselgebiete beschützt oder angegriffen werden können. Beide Typen zerstören Einheiten, aber Nuklearraketen machen zusätzlich das Einschlagsgebiet für einige Runden unpassierbar. Dadurch ergeben sich langfristige Strategien.

Die Wirtschaft ist spielentscheident. Die verschiedenen Produkte haben verschiedene Werte, wobei Technologie (das wertvollste) den neunfachen Wert von Mineralien (das wertloseste Gut) hat. Für den Truppenausbau sind bestimmte Kombinationen aus Gütern notwendig, dasselbe gilt für deren Bewegung. Daher müssen Güter umgetauscht werden. Gold ist dabei die Währung. Wer unüberlegt umtauscht kann seine Pläne nicht durchführen.

First Strike ist ein komplexes Spiel. Die Geographie verursacht natürliche Grenzen und Gebiete, die geschützt werden müssen. Der unterschiedliche Wert der Güter sorgt für sehr wichtige Gebiete. Die Militäroptionen sind unbegrenzt. Das Spiel ist leicht zu lernen, aber schwierig zu meistern. Das Regelheft umfasst nur 8 halbe Seiten und beinhaltet Diagramme. Obwohl das Spiel 6 Stunden und mehr dauern kann, verändert sich die Welt ständig und jeder hat bis zum Ende Spaß.

Weitere Infos auf www.firststrikegame.com.

First Strike Box Shot

Wie man auf dem Bild erkennen kann, spricht First Strike nicht gerade vom Material her an. Meine Spielrunde schätzte das Erscheinungsjahr auf 1972 statt auf 2007. Auch sind die Spielsteine nicht gerade funktional; wie AJ selbst sagt, behindern sie eher das Spiel. Bei der zweiten Auflage soll dies aber behoben sein (wenn auch zu einem höheren Preis, wobei der aktuelle Preis mit 25$ nur knapp über den Portokosten für ein Spiel aus den USA liegt…).
Spielerisch ist First Strike nicht uninteressant -Zumindest wenn man sich nicht an den offensichtlichen Schwächen einer langen Spieldauer (6 Stunden kann es schon dauern, manchmal auch mehr) und dem Ausscheiden von Spielern stört. Gerade die Wirtschaftskomponente ist interessant und sorgt dafür, dass First Strike mehr ist, als nur ein ordinäres Prügelspiel. Dass die Kämpfe zufallslos ablaufen halte ich für ein weiteres Plus – gerade bei der langen Spieldauer. So hängt Wohl und Wehe einzig von den Fähigkeiten der Spieler ab. Allerdings kann es auch für defensives Spiel sorgen, wenn sich keiner so Recht aus der Deckung traut. Das ist dann allerdings nicht dem Spiel anzulasten: Normalerweise wird bei einem Stellungskrieg derjenige verlieren, der die schwächeren Ressourcen sein eigen nennt. Der andere kann auf jedem Fall zuerst Raketen bauen, um die gegnerische Stellung auszuheben. So ein Stellungskrieg ist also zumindest für eine Partei eine schlechte Taktik! Hier spielt das Wirtschaftsystem seine Stärke aus!
Auf Boardgamegeek hat jemand eine alternative Bewegungsregel für Schiffe und Armeen vorgeschlagen (aus einem Regelfehler entstanden), die das Spiel etwas beschleunigen dürfte. Ausprobiert habe ich sie nicht, aber ich kann mir vorstellen, dass die entstehende Dynamik dem Spiel guttun würde.
Alles in allem ein Spiel, von dem ich wünschte es hätte zu seligen Studentenzeiten existiert, zu denen ich Zeit und Mitspieler für ein kriegerisches Mehrstundenspiel gehabt hätte – ich glaube ich hätte viel Freude an First Strike gehabt. So fehlt es mir leider an Gelegenheiten, das Potential des Spieles auszuschöpfen. Wer diese Bedenken nicht hat, sollte über einen Kauf nachdenken! Über eure Meinung würde ich mich dann auch sehr freuen!

ciao
Peer

Autor: Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.