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Verlagsvorstellung Funforge

Funforge feierte sein Debut letztes Jahr in Essen mit Illusio. Das Thema Zauberei sprach mich sofort an, nicht aber der Preis, der aber während der Messe gesenkt wurde. Meine ersten Eindrücke zu dem Spiel findet ihr wie üblich gegen Ende des Postings (hinter dem Bild von der Spieleschachtel)!

Was wir in Zukunft von Funforge erwarten können und was die Brettspiel- von der Videospielbranche unterscheidet verrät uns das folgende Interview!

Bitte stelle doch Dich und Deinen Verlag unseren Lesern vor!

Mein Name ist Philippe Nouhra, ich bin 36 Jahre alt und der Verantwortliche bei Funforge, einem französischen Spieleverlag. Ich kam ursprünglich aus der Videospielbranche, in der ich 15 Jahre lang als Spieleautor,  Entwickler, Leveldesigner, Graphiker und Projektmanager tätig war. Ich liebe Brett- und Rollenspiele seit meiner Kindheit und so war es nicht verwunderlich, dass ich diese Branche wählte, als ich meinen eigenen Verlag gründen wollte. Und so wurde im Sommer 2008 Funforge gegründet.

Wir sind ein kleiner Verlag mit großen Ambitionen: Wir haben einen internationalen Vertrieb für unsere Produkte und arbeiten z.Z. sogar an einem Vertrieb in China, was ungewöhnlich (und hart) für den Spielebereich ist. Noch wissen wir nicht, ob wir erfolgreich sein werden, aber wir arbeiten hart daran…

Erzähle uns doch ein bisschen über eure Spiele!

Im Moment ist unser Katalog noch sehr dünn, denn wir sind ja erst seit einen knappen halben Jahr dabei! Unser bislang einziges Spiel ist Illusio, ein Spiel über Bühnenzauberei (Palmieren, Illusionen etc.). Merkwürdigerweise wird das Thema in Brettspielen eigentlich niemals verwendet und das obwohl es viele Leute sehr anspricht. Als großer Fan von Zauberkunststücken (allerdings nur passiv – bin selbst kein Zauberer)hat mich die Entwicklung eines entsprechenden Spieles sehr gereizt. Für die Graphik haben wir Julien Deval (bekannt vor allem für seine Gestaltung von Days of Wonder-Spielen wie Zug um Zug) beauftragt und der hat seine Arbeit sehr gut gemacht!

Wir haben Illusio in Essen 2008 vorgestellt und das durchaus erfolgreich. Wir hatten sehr enthusiastisches Feedback, sowohl von den Besuchern als auch von Vertrieben. Im Moment arbeiten wir an dem Vertrieb in einigen Ländern und an einer Erweiterung. Wir wollen mindestens eine Erweiterung pro Jahr veröffentlichen, lieber noch zwei pro Jahr, wenn dies irgend möglich ist. Noch ist es zu früh, um etwas über diese Erweiterungen zu sagen. Nur so viel: Wir wollen neue Kartentypen und neue Ziele in das Spiel einbauen. Wir wollen die Erweiterung nicht der Erweiterung willen machen, sondern tatsächlich dafür sorgen, dass mit jeder Erweiterung ein neues Spielgefühl entsteht.

Außer den Erweiterungen: Was habt ihr noch geplant?

Unsere Planung ist einfach: Wir wollen weiterhin qualitativ hochwertige Spiele produzieren, wobei wir besonderes Augenmerk auf starke und originelle Spielewelten legen, die wir mit toller Graphik und dem Auge fürs Detail umsetzen wollen.  Wir sind dabei nicht auf bestimmte Formate (Brett- oder Kartenspiel), Genres oder Themen festgelegt, so lange die Spiele das breite Publikum ansprechen. Wir sind nicht zuletzt Spiele und wollen Spiele machen, die uns ansprechen – nicht der kommerzielle Wert soll im Vordergrund stehen, sondern der Spaßfaktor!

Natürlich kann ich keine Details ausplaudern, aber ich darf verraten, dass (wenn uns die Spielegötter wohlgesonnen sind) 2009 zwei neue Spiele und mindestens eine Illusio-Erweiterung zu erwarten sind!

Nehmt ihr auch Prototypen von Frendautoren an?

Ja das tun wir! Allerdings muss man mich erst anschreiben (philippe@funforge.fr)bevor man irgendwas schickt. Und wir schicken grundsätzlich keine Prototypen zurück, also bitte kein Unikate in die Post geben! Wir beantworten Emails nur wenn wir Prototypen anfordern – wer also nichts mehr von uns hört, kann davon ausgehen, dass wir nicht an dem Spiel interessiert sind. Dabei geht es nicht nur um die Qualiät des Spieles, sondern auch um Produktpflege und kommerzielle Interessen, bedeutet also nicht unbedingt, dass wir die Spiele, die wir ablehnen für schlecht halten!

Da du aus dem Videospielbereich kommst: Wie hängen Video- und Brettspielindustrie zusammen?

Natürlich basieren Brett- und Videospiele auf denselben Werten: In beiden Spielen lernt man zu gewinnen und zu verlieren (besonders für jüngere eine wichtige Lektion) und die Anwendung bestimmter Mechanismen. In beiden tauchen die Spieler in eigene Welten ab. Seit einiger Zeit ermöglichen es Videospiele Leute zusammen zu bringen, etwas worin sie ursprünglich nicht gut waren. Die meisten ihrer Mechanismen sind direkt von klassischen Rollenspielen übernommen worden und auch nach ihrer Übertragung auf Netzwerke und Computer funktionieren sie noch grundsätzlich wie vorher.

Diese Verbindung zwischen den beiden Sparten ist so stark, dass Spieleentwickler (Überwiegend selbst Brett- und Rollenspieler) es schwer haben neue Ideen zu finden. Mit der Geburt der MMO (Massenonlinespiele) gab es anfänglich große Hoffnung, das etwas neues entstehen würde, aber noch ist es wohl zu früh dafür.  Bislang beschränkt sich das eigentlich Spielziel darauf, Gegenstände abzugreifen und Questen zu erledigen, die darin bestehen einige NPCs zu besuchen oder Gegner abzuschlachten. Obwohl sicherlich durchaus süchtig machend und unterhaltend (zumindest für eine Weile) könnten MMOs doch so viel mehr bieten! Einer der Gründe ist vielleicht, dass sich Spieler immer gleich verhalten; Seit ihrer Kindheit spielen sie Spiele, in denen diese Art von Quests gefragt sind und sind sowas dementsprechend gewohnt. Nur ein menschlicher Spielleiter kann die Spieler ändern und zwingen mal was anderes zu machen, denn er kann improvisieren und braucht nicht nach Standardrezept vorgehen.

Auch wenn einige gleich aufschreien werden: Ich glaube dass Brettspiele uns die Zukunft von Videospielen zeigen können! Das Interesse an kooperativen, politischen oder handelsbasierten Spielen ist groß. Wenn erst einmal die breite Masse mit diesen Spielen vertraut ist, werden sie diese auch in Videospielen erwarten.  Ich bin sicher, dass wir bald neue MMOs (und generell neue Videospiele) sehen werden, bei denen es audf Diplomatie, Handel und Sozialverhalten ankommt. Zumindest hoffe ich, dass wir das bald sehen werden.

Andererseits ist es schon komisch zu beobachten wir sehr der Brettspielmarkt der Videospielindustrie von vor 15 Jahren gleicht: Man sieht viele kleine Verlage frischen Wind in die Szene zu bringen (so wie Funforge) und mittlere Verlage, die sich zusammenschließen, um große “Monster” wie EA oder Ubisoft es im Softwarebereich sind, hervorzubringen. Ich denke es ist genug Raum für Verlage wie Funforge auf dem Markt vorhanden, aber die Zukunft ist nicht aufzuhalten und ich weiß ncht wie lange der Markt noch Platz bieten wird.

Ich habe viele schlimme Entwicklungen im  Videospielsektor beobachten müssen und ich hoffe die bleibt der Brettspielsparte erspart. Monopole und Kataloge ohne Vielfalt sind nie gut. Das ganze Gerede der Großen von wegen “Auswahl ist schlecht, denn es killt die Industrie” ist nur Gerede um Geld zu machen. Ich bin zuversichtlich, dass Brettspieler sich nicht so leicht indoktrinieren lassen wie einige Videospieler der Vergangenheit. Ein Anhänger und Fan zu sein ist ne gute Sache, aber die Wahl mal was neues auszuprobieren ist eine unbezahlbare Freiheit, die den Unterschied zwischen Anhänger und Fan ausmacht. Wenn Brettspiele die Zukunft des Spielens sind (und davon bin ich überzeugt!), hoffe ich, dass die Szene die richtigen Entscheidungen trifft und sich nicht von einigen Tyrannen herumschubsen lässt. Seien wir vorsichtig, es gibt noch viel zu erleben!

Ein schönes Schlußwort! Vielen Dank für das Interview!

Illusio Box

Illusio Ersteindruck:

Illusio spricht -wie erwähnt – vor allem durch sein Thema an. Ein anderes Spiel über Zauberei ist mir nicht bekannt. Dabei ist das Thema graphisch durchaus schön umgesetzt, überhaupt ist das Material erstklassig und erinnert (nicht zuletzt wegen der Graphik) an die frühen Days-of-Wonder-Kartenspiele. Das hat allerdings auch seinen Preis – Ich hoffe Funforge kann dieses Produktstandard halten, denn Kartenspiele für 20€ dürften es schwer haben. Zwei Kritikpunkte habe ich allerdings: Die Tricks selbst sind nur mit Namen beschrieben – ich hätte mir da ein Bild gewünscht, dass den Trick zeigt, so dass man noch mehr in die Athmosphäre eintauchen kann. Und Punkte müssen per Hand markiert werden, allerdings will der Verlag (wenn es kostengünstig möglich ist) hier Abhilfe schaffen.

Spielerisch ist Illusio eher leichte Kost: Man spielt Karten aus der Hand auf den Tisch und versucht bestimmte Kombinationen auszulegen, um Tricks aus der Mitte durchführen zu können. Ein paar Aktionskarten gibt es auch, aber das wars auch schon fast. Punkte gibt es für erledigte Tricks und zwar je nach Schwierigkeit des Zauberkunststücks, wobei es Bonuspunkte für genaues Erfüllen der Tricks (Nicht nur richtige Kartenart, sondern auch genau eine bestimmte Karte) und für bereits erfüllte Tricks derselben Sorte gibt. Wer zuerst 12 Punkte gemacht hat gewinnt. Hinzu kommt noch dass jeder Spieler eine Sonderfähigkeit hat, die er pro Zug einsetzen kann. Soweit also eher solide, bekannte Spielerkost. Es funktioniert alles recht gut, ist aber kein Brüller. Das Thema ist aber gut umgesetzt und verschafft dem Spiel seine Daseinsberechtigung. Zumal überzeugt die kurze Spieldauer. Ob dass jedem 20€ wert ist, muss jeder für sich entscheiden, als Absacker und Familienspiel halte ich nach meinen ersten Partien Illusio aber auf alle Fälle geeignet! Aber letztlich bin ich auf die Erweiterungen gespannt, denn das Spiel bietet imho noch ne Menge Erweiterungspotential (Ein, zwei Elemente sind noch etwas unterrepräsentiert…)

ciao

peer

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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