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Früher war alles…weiter in der Vergangenheit

Wir beginnen unser heutigen Blog mit ein paar wichtigen Ansagen:
1.) Wer sich gewundert hat, dass ich Rezensionen verfasse, obwohl es hier ja auch Eindrücke gibt: Die Eindrücke hier im Blog sind meistens Ersteindrücke. Manchmal schreibe ich auch über einen bestimmten Aspekt im Spiel. Die Rezensionen schreibe ich erst, wenn ich die nötige Spieleanzahl hinter mir habe und so. Die müssen also schon etwas fundierter sein. Alles selbstverständlich, oder? Deswegen habe ich es bislang nicht erwähnt. Aber ich wollte es dennoch noch einmal klarstellen. Ich hab nämlich entdeckt, dass andere Blogger das anders handhaben.

2.) Der Pfefferkuchel ist gewählt – Die beliebtesten Spiele in Oberhof. Sicherlich nicht die ganz große Überraschung, wenn man der Berichterstattung gefolgt ist: Notre Dame von Alea hat gewonnen. Bereits in Essen hatte der Prototyp viel Lob bekommen.
Danach kamen Ysphahan und Zooloretto.
Letzteres ist sicherlich die große Überraschung, denn das Spiel kannte bislang keiner. Kam es noch rechtzeitig auf den Markt für das SdJ? Keine Ahnung, aber auch auf dem Gathering war es anscheinend sehr beliebt. Notre Dame dürfte (nicht nur wegen des Pfefferkuchels) der wahrscheinlichste Kandidat für den Deutschen Spielepreis in Gold sein.
Ich kann es nicht abwarten, es mal zu spielen! (Ja, ich gehöre nicht zu denen, die sich alles sofort kaufen. Zum einen habe ich Freunde, die das für mich tun, zum anderen habe ich festgestellt, dass cooles Abwarten die Qualität der Spielesammlung signifikant erhöht und die Fehlkaufanzahl fast eliminiert).

3.) Letzte Woche hab ich mal wieder Euphrat & Tigris gespielt – Zum ersten Mal wurden alle Monumente verbaut. Hätte nicht gedacht, dass DAS mal vorkommt…

Vorletzte Woche habe ich mich mit einem Urgestein deutscher Spieleszene unterhalten: Claus Voigt. Wer ihn nicht kennt: Er hat damals mit Matthias Hardel zusammen den ersten reinen Brettspieleladen Deutschlands in Berlin eröffnet und ist später nach Hamburg gegangen, um dort „Das Spiel“ aufzumachen. Leider musste er den Laden vor 5 Jahren schließen müssen. Der eine oder andere mag ihn zudem aus der Spielbox kennen, wo er gelegentlich Artikel verfasst (Übrigens hat er noch eine ganze Reihe von seinen eigenen Spielen zum Verkauf. Erreichen kann man ihn über die Emailadresse info @ das – spiel . de).
Ich erwähne das, weil er ein paar interessante Ansichten bezüglich des aktuellen Spielemarktes geäussert hat. Seiner Meinung nach kam in den letzten 10 Jahren praktisch nichts wirklich neues mehr auf den Markt. Die Verlage konzentrieren sich auf „Siedler Nachfolgespiele“. Viel ist „alter Käse. Teilweise guter Käser, aber trotzdem alter Käse“.
Naja, man mag das als bedeutungslos abtun. Aber Matthias Hardel hat unter der Überschrift „Am besten nichts neues“ vor nicht allzu langer Zeit ähnliches in seinem Editional in der Spielbox geäussert. Und ein drittes mal konnte ich ähnliches bei einem Interview mit Czarne lesen: „Dieses Spiel [Sumo – ein Prototyp Czarnes] wird keinem Verlag mehr angeboten, da es mich bei diesem Spiel echt frustriert, wie eingefahren die Strukturen mancher Verlage sind“

Da drei Leute aus der Szene ähnliches äußern, ist es vielleicht wert sich damit zu befassen.
Als erstes muss natürlich gesagt werden, dass es für einen Verlag nicht unwichtig ist, Spiele zu haben, die sich auch verkaufen. Also zu weitweg vom Mainstream geht nicht. Dennoch ist sicherlich bereits auf den ersten Blick eine ziemliche Fokussierung zu erkennen: Der Großteil der Spiele (auch der Guten!) hat eine Mittelalterthematik (Hier hebt sich Zooloretto z.B. einmal wohltuend ab, auch wenn das Spiel natürlich eher abstrakt ist). Hinzu scheinen Spiele, bei denen etwas gebaut wird ungemein beliebt zu sein. Man denke nur an den aktuellen Spielejahrgang. Die Spiele, die in Vielspieler- und Familienspielkreisen beliebt sind, sind z.B.: Leonardo (Aufbau), Yspahan (Aufbau-Entwicklungs-komponente) Notre Dame (weiß nicht, wie weit der Aufbau geht), Die Säulen der Erde (Aufbau), Die Säulen von Venedig (Aufbau), Venedig (Aufbau), Colosseum (Aufbau)… Das das einige Mechanismus-Doppelungen drin sind, ist klar.
Überhaupt: Wie viele Rennspiele sind in dem letzten Jahr rausgekommen? Deduktionsspiele? Wettspiele? Stichspiele? Es gibt nur einen Verlag (Amigo) der regelmäßig Stichspiele (sort of) auf den Markt bringt. Wieso eigentlich?

Ich will es noch einmal klarstellen: Ich glaube durchaus, dass das Gros der Spiele heute deutlich besser ist als das Gros der Spiele vor 10, geschweige denn vor 20 Jahren. Die Spiele sind oft besser entwickelt, klarer strukturiert, selten wirklich schlecht und besser ausgestattet sowieso. Ich denke aber auch, dass ein Grund darin liegt, dass die Verlage insgesamt weniger riskieren und selten mal was wirklich neues auf den Markt legen (oder es liegt an uns Autoren, die wir uns immer um die gleichen Ideen drehen, wer weiß?). Ein bisschen sehe ich die Parallele zu den Computerspielen. In den Zeiten des C64 und des Amigas gabs es Trends, klar. Es gab aber auch Spiele bei denen man die Bank überzeugen musste, dass man noch lebte (Bureacracy), bei denen man eine Kakerlake spielte (Metamorphosis), bei denen man mit Musik webte (Loom), bei denen man sich aus dem Magen eines Riesenaliens befreien musste (GUTS) etc. Jede Happy-Computer-Ausgabe berichtete mindestens über ein originelles Spiel. Heute: Egoshooter oder Sportspiele. Darüber hinaus ist wenig (ich hab irgendwo ein Kommentar eines Computerkünstlers gelesen, der meinte sinngemäß: „Je mehr es möglich ist, mit einem Computer ALLES zu machen was nur irgendwie vorstellbar ist, desto mehr benutzten die Programmier ihn nur um die Wirklichkeit NOCH genauer abzubilden. Realität statt Kreativität – Ein Trend der mit Produkten wie „Second Life“ bestätigt wird).

Ich verstehe da aber auch die Kleinverlage nicht. Sicher, auch die müssen Geld verdienen, können sich sogar noch weniger einen Flop leisten als Kosmos. Aber ob es eine gute Taktik ist, dieselbe Art von Spielen im Programm zu haben, wie die großen, nur mit schlechterer Ausstattung? Ich denke bei einem vergleichbaren Spiel muss ein Kleinverlag deutlich mehr bieten, um ein Spiel zu verkaufen, als z.B. Kosmos bieten muss, um 100 zu verkaufen. Sicherlich: Das gibts. Ystaris Caylus ist nicht gerade originell, aber es war ein Jackpot. Das lag daran, dass es a) als ein Ausnahme-Spiel wahrgenommen wird und b) zur richtigen Zeit auf den Mark kam, wo es keine Konkurrenz im entsprechendem Sequment gab.
Peter Eggert hat gezeigt dass man auch mit originellen Spielen gewinnen kann: Space Dealer oder Imperial: Beides mit Sicherheit keine Massenware, die man an anderen Ständen in Essen findet. Beide haben sich (soweit ich weiß) für einen Kleinverlag ausgesprochen gut verkauft und geholfen eggertspiele als festen Ort auf der Verlagslandkarte zu etablieren. LudoArt oder 2F sind weitere Verlage, die ein klares Profil ABSEITS des Mainstreams annehmen und damit (so meine Wahrnemung) Erfolg haben. Ein klares Zeichen?

Und eine letzte Anmerkung: Originalität und Massenmarkt müssen sich nicht ausschließen. Man denke nur an Asmodee, die ziemlich einzigartige Spiele wie „Mall of Horror“ oder „Du balai“ auf den französischen MASSENmarkt bringen. Hierzulande werden die Spiele demnächst von Pro Ludo vertrieben – nicht gerade ein Großverlag. Ein Sachverhalt, der diesen Eintrag ganz gut zusammenfasst…

In diesem Sinne…
peer

Peer Sylvester

5 Kommentare

  • Moin Peer,
    wieder ein sehr interessanter und aufschlussreicher Artikel von dir :-)

    Was die (oft nicht sehr) neuen Spiele angeht, denke ich, dass es im Grunde einen Grund hat. Der spiegelt sich auch im von dir erwähnten PC-Spielemarkt wieder. Zumindest spielerisch sind wir Deutschen ein Volk der Denker und Planer. Und wo könnte man mehr denken und planen als in Aufbauspielen? Deshalb ist auch die Anno-Reihe gerade in Deutschland ein so großer Erfolg. Oder die Siedlerreihe. Wir lieben es einfach (im Allgemeinen) Prozesse zu entwerfen und zu optimieren. Aufbauspiele sind einfach ideal, um sich darin auszutoben. Das beeinflusst das Kaufverhalten der Spieler, die gerade Aufbauspiele gern kaufen, was wiederum dafür sorgt, dass Verlage gern Aufbauspiele anbieten, aber auch uns Autoren, die wir ja eben auch Denker und Planer sind. Und wo könnten wir diese Qualitäten besser einbringen als im Erfinden eines Aufbauspiels?

    Andreas (der auch so manche Aufbauidee hat, jetzt aber erstmal zur Arbeit muss, um sein Konto aufzubauen :-D)

  • Hehe, jetzt hast du den Titel geändert. Wollte dich noch gefragt haben, was der Artikel mit dem Titel zu tun hat ;-)

  • Moin Peer,
    mir kam nochmal ein Gedanke zum Thema. Was wohl auch verantwortlich für die Beliebtheit von Aufbauspielen sein dürfte ist die Tatsache, dass sich das Spiel während des Spielens entwickelt. Man sieht wie etwas geschaffen wird, an dem man selbst beteiligt ist. Geht das Spiel sogar so weit, mit neu erbauten Komponenten neue Fähigkeiten „freizuschalten“ (Bei Die Säulen der Erde wären das die neu zu erwerbenden Handwerkerkarten, die anderen kenne ich nicht), wird das ganze sogar noch interessanter, weil sich das Spielgeschehen an sich mit der Spielzeit verändert. So wird eine viel tiefere Spielatmosphäre geschaffen, die das Erlebnis des Spielens intensiviert.

    In jedem Fall ist ein Aufbauspiel aber ein Spiel, bei dem es kaum negative Erlebnisse gibt. Außer natürlich, dass man hinterher hinkt ohne Aussicht auf den Sieg. Aber selbst dann geht das Spiel immer voran. Das von mir geschaffene wächst und wird immer besser. So nähere ich mich Schritt für Schritt dem Spielende, ohne wirkliche Rückschläge zu erleben. Man kommt höchstens nicht so schnell voran, wie die Mitspieler, aber voran kommt man immer. So vermittelt ein Aufbauspiel dem Spieler, auch wenn es ein gerüttelt Maß Ärgerpotential bereithält, immer einen positiven Eindruck. Das hast du erreicht. Soweit bist du gekommen. So viel hast du aufgebaut. Und auch wenn du nicht gewonnen hast, das hier hast du geschaffen.

    Bei solch einem positiven Feedback lässt man sich doch gern zu einer weiteren Partie überreden :-)

    Andreas

  • Hi,
    ja der Titel…erst wollte ich über was anderes schreiben, hab dann aber meine Meinung -und nicht sofort den Titel – geändert…
    Das Aufbauspiele ein konstruktives Gefühl vermiteln stimmt schon. Ein weiterer Aspekt dürfte sein, dass i.A. nicht so klar ist, wer führt. Bei Rennspielen etwa ist die aktuelle Position ja klar – und es gibt auch keine geheime Wertung nach dem Zieleinlauf…
    ciao
    peer