Jan 15

Besser Scheitern durch schönere Vorsätze

Matthias Nagy,  2017      

Neues Jahr – Neues Glück! Nürnberg steht vor der Tür und damit die Reste des Jahres. Wobei Rest des Jahres zu schreiben klingt sehr verwirrend wenn wir gerade erst Januar haben. Aber in Wahrheit rede ich ja vom Spielejahrgang und dabei mit einem Blick auf die Jury Spiel des Jahres, welche Ihre Deadline auf Ende März hat. Und was bis Ende März im Markt sein möchte wird spätestens in Nürnberg vorgestellt. Was nach Ende März kommt ist gefühlt schon der nächste Jahrgang oder lebt in einer Zwischenwelt wie letztes Jahr Roll for the Galaxy, welches im Mai erschien und daher für die Jury erst dieses Jahr interessant ist, aber für Essen schon als altes Eisen galt.

Mit dem Ablauf des Jahrgangs könnte man also schon jetzt auf den Spielejahrgang zurückblicken und sich überlegen was es da so alles tolles gab. Und viele haben das ja auch gerade erst getan. Dabei hatte ich selber noch gar keine Zeit die meisten Neuheiten zu spielen. Die Spiele sind zu zahlreich und ein Auswahl-Prozess fällt schwer. Ein Filtern im Vorhinein wird immer wichtiger und was durch den Filter fällt hätte es manchmal vielleicht gar nicht sollen. Als Spiel die Aufmerksamkeit zu bekommen die man möchte wird täglich schwerer. Und auch wenn Asmodee der neue Riese im Business ist, so haben sie auch einen Bauchladen voll Spiele, welche nicht alle die gleiche Aufmerksamkeit bekommen können. Eine Vermischung mit Neuheiten für nächstes Essen, welche schon jetzt vorgestellt werden lassen das Filtern noch schwerer werden.

Filtern wird immer wichtiger.

Und so sitze ich hier. Ich bin neugierig auf Spiele welche erst in 2 Monaten kommen, oder in 4 oder gar in 9 oder 12. Gleichzeitig habe ich Spiele hier die erst vor 4 Monaten rauskamen, oder vor 2 oder auch 10. Und ich möchte sie alle Spielen und davon erzählen.

Dazwischen gab es Sylvester und Neujahr. Und auch ich habe mal wieder eine Neujahrsvorsätze aufgestellt.

  1. Ich will jeden Monat vier neue Spiele mindestens einmal spielen. Damit sind nicht Neuheiten gemeint, sondern Spiele die für mich neu sind, auch wenn sie vor 3 Jahren rauskamen. Eigentlich wollte ich jede Woche eins wählen, aber ich weiß genau, dass das gar nicht so einfach ist, weil ich oft unterwegs bin. Mich auf 4 im Monat festzulegen gibt mir ein paar Freiheiten.
  2. Ich will jeden Monat vier alte Spiele spielen. Also Spiele die für mich nicht neu sind, aber deren erste Partie mindestens mehr als einen Monat her ist. Für Januar 2017 müssen das Spiele sein, deren erste Partie für mich im November 2016 oder vorher waren. Auf diese Weise will ich verhindern Neuheiten auch zu schnell wieder abzulegen.
  3. Ich will wieder mehr Zeit zum schreiben finden. Bei den Bretterwissern habe ich seit letzten Sommer nicht mehr geschrieben, zum größten Teil aus fehlender Zeit auf Grund anderer Projekte, aber irgendwie vermisse ich es, daher wird es geändert und ich möchte auch wenigstens einen Artikel pro Monat auf diesem Blog und auf dem Bretterwisser-Blog schreiben.

Das reicht schon an Vorsätzen um an mindestens einen zu scheitern. Drückt mir die Daumen das es nicht schon im Januar passiert.








Jul 18

Ein neues Buch ist wie eine neue Woche

Matthias Nagy,  2015      

Ich habe in meiner Twitter und Tumblr und Facebook Blase einige Schriftsteller. Ich meine jetzt nicht die Nummer #1 Bestseller der NJ Times oder des Spiegel, sondern Leute die in ihrer Freizeit angefangen haben zu schreiben und sich online mit gleichgesinnten austauschen und sich gegenseitig animieren besser zu werden. Zwei dieser Freunde die zusammen auch den Podcast Die Schreibdilettanten machen, kannte ich schon, als sie zusammen einen Spieleladen in Berlin hatten (das Serious Games) und Rollenspiele und ähnliches verkauften. In dem Laden führte ich jede Woche den Brettspieltag aus und dort lernte ich auch meine heutige Frau kennen. Rundum, etwas verbindet mich denen.

Wenn man denen so folgt, denkt man sich, das es echt viele Menschen geben muss die Bücher lesen und die mit Begeisterung in die Welten eintauchen und diese genießen. Es geht nicht darum zu urteilen, ob die Bücher gut oder schlecht sind, sondern darum die Tätigkeit des Lesens zu zelebrieren. Bei uns Spielern gibt es auch diese Gruppe an Menschen denen es in Wahrheit völlig egal ist, was sie spielen, solange sie daran Freude haben und sie Spielen können. Manchen geht es um die Geselligkeit, manchen um die Tätigkeit, aber allen um die Freude und es wird entsprechend zelebriert. Und manche versuchen sich auch als Spieleautoren. Aus Freude am Spielen. Während die meisten Spielautoren viel Spielen, aber nicht immer aus denselben Gründen, so wollen sie alle in diese Welten eintauchen.

Und mir ist noch etwas aufgefallen, was Brettspiele und Bücher gemeinsam haben, nur das es nicht so deutlich immer hervortritt. Sie werden oft nicht gelesen. Es ist unfassbar wie viel Bücher ungelesen zu Hause bei vielen Menschen rumliegen und vermutlich völlig sinnlos gedruckt wurden. Den Verlagen kann es egal sein. Die Bücher wurden gekauft. Es gibt auch viele ungespielte Spiele, welche aus einem Impuls gekauft werden und zu Hause ein trauriges Dasein fristen (bei mir leider auch). Ich fange an mich mit diesem Umstand anzufreunden und ich kenne genug Kollegen, denen es entweder egal ist, weil sie die Spiele sammeln, oder die für sich selber die Entscheidung getroffen haben, dann halt nicht mehr so viel zu kaufen und einiges abzustoßen. Manche stoßen Spiele auch angespielt wieder ab, bevor es zu viele werden. Auch bei den Hobbyautoren gibt es ungelesene Bücher. Aber vermutlich prozentual weniger als bei den Nur-Käufern von Büchern.

Was natürlich spannend ist, ist der Blick durch moderne Technik erlaubt. Amazon kann mit seinem Kindl genau nachvollziehen, bis zu welcher Seite ein Buch gelesen wurde. Sie können feststellen, welche Bücher zu Ende gelesen werden und welche vielleicht nur bis zu einem Punkt und wo es langweilig wurde. Sie können feststellen, welche Bücher sie eher wieder empfehlen sollten und welche eigentlich quatsch sind. Aus den Statistiken ist etwa abzulesen, das ein Buch wie Fifty Shades auf Grey nur zu einem Viertel gelsen wurde und das ein Buch von Hillary Clinton nicht über das Öffnen hinausgekommen zu sein scheint.

Nun werden Spiele doch in den meisten Fällen, wenn sie dann auf dem Tisch liegen zu Ende gespielt. Vielleicht abgesehen von einer Runde Monopoly mit allen bekannten Hausregeln, welches nach 3 Stunden eher abgebrochen wird, weil die Spieler in den Seilen hängen oder eh nur noch zwei drin sind und der Rest nur zusieht. Aber werden die Anleitungen zu Ende gelesen? Das Beispiel an Monopoly zeigt schon, das dies wohl eher Wunschtraum ist. Die Leute lassen sich lieber Regeln erklären. Eventuelle Fehler schleichen sich weiter ein und werden konsequent weitergespielt, Regelfragen werden aus dem Bauch gelöst und nicht in der Regel nachgeschlagen und so weiter. Das Verlage an Anleitungen arbeiten ist nicht erst seit gestern bekannt, aber wie Zielführend die Problematik mit Leseverweigerern ist, ist eine ganz andere Größe. Aber auch hier gilt. Solange gekauft wird, können wir weiter an dem Problem herumdoktern. Und die echten Spieler lesen die Anleitungen, auch zu Ende, wenn auch nur meist Fehlerfrei.

Das abschließende Wort hat ein Tweet eines Deutschen Cartoonisten:








Jun 13

Fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben…

Matthias Nagy,  2015      

„Ja wo reiten sie denn? Ach ist der Rasen schon grün.“ Mit solchen alten Loriot-Zitaten habe ich auch gedanklich reagiert, als ich davon gelesen habe, dass wir die Vorreiterrolle in Deutschland verlieren. Das war aber noch bevor Peer letzte Woche dadrüber schrieb oder Christwart in der letzten Spielbox, was interessanterweise war nachdem er in Frankreich war. Ich las dies schon auf TricTrac Frankreich, in einem schönen Leitartikel (in gebrochenem Google-Translator-Deutsch), den mir Guido weitergeleitet hatte. Die Franzosen denken eigentlich darüber gar nicht mehr nach, sondern sind überzeugt, dass sie Deutschland abgelöst haben. Ein Eindruck, den ein Blick auf Cannes erwecken kann oder ein Blick auf die vielen französischen Spiele, die von der Jury nominiert wurden.

Ja, die guten Spiele kommen inzwischen zu einem gefühlt größeren Teil aus unserem Nachbarland als aus Deutschland. Aber in Wahrheit waren auch früher viele Spiele nicht aus Deutschland. Wieviele der Autoren des Spiel des Jahres von 1979 bis 1994 kommen aus Deutschland? Nach gewonnenen Spielen etwa die Hälfte. Alleine Teuber hatte dreimal gewonnen und Kramer auch zweimal. Wir haben die Highlights, aber die Autoren waren auch damals aus anderen Ländern und zum Teil nur nach Deutschland gebracht worden. Der Aufbruch kam spürbar 1995 mit Catan. Wie mit vielen Dingen kann man versuchen immer die Nummer 1 zu bleiben oder akzeptieren, dass andere an einem vorbeiziehen. Um auch das Gefühl dafür zu haben, muss man nur den Anfang von The Newsroom sehen, welcher mich auch heute, vier Jahre später, beschäftigt.

Aber reden wir mal nicht von den Autoren, sondern von anderen Elementen. Ich glaube, dass gerade Deutschland durch den Spiel des Jahres-Pöppel und dessen Akzeptanz in der Bevölkerung eine Vorreiterrolle aufgebaut hat, welche die Menge an Spielen erst möglich gemacht hat. Wenn wir von einer Rolle reden, dann von der, dass es in Deutschland viele Verlage gibt. Die Menge an Spielverlagen in anderen Ländern, die Autorenspiele machen, war Mitte der 90er sehr klein. Zum Teil so klein, dass man nur eine halbe Hand brauchte, um sie von einem Land aufzuzählen. Wenn Frankreich heute eine starke Rolle einnimmt, dann weil es dort die Verlage inzwischen gibt. Wenn ich in Cannes bin und sehe wieviele Verlage dort sind, dann ist das toll und erfreulich. Aber viele von denen sind immer noch angewiesen auf Deutschland und den Absatzmarkt oder die Werbung hier und auch auf den US-Markt.

Immer noch erscheinen viele Spiele zu Essen und nicht zu einem anderen Zeitpunkt, denn Essen ist der Fokus und mit ihm der Deutsche Markt. Noch. Und der nächste Schritt ist nicht weit. Die Verlage fangen an vorzuschieben. Auf einmal erscheinen Spiele nicht mehr zu Essen, sondern zur Gen Con in den USA. Diese Messe legt atemberaubende Wachstumszahlen hin und ist von einigen Zahlen schon größer als Essen. Verlage planen für eine Veröffentlichung vor Ort, wie Portal aus Polen. In den USA ist noch Wachstum zu holen. Deutschland ist gesätigt. Zum Teil sprießen neue Verlage aus dem Boden und Kickstarter gibt seinen Teil dazu, dass die Leute miteifern können. Deutschland ist nicht mehr das Vorreiterland bezüglich der Absatzzahlen. Wenn man wiederum das Ganze umrechnet auf die Bevölkerungsgröße, auf das Verkaufsvolumen pro Kopf, wer ist dann die Nummer 1? Und wenn die üblichen Hasbro-Titel wie Monopoly rausgenommen werden?

Es ist schwer von einer Vorreiterrolle zu reden. Man kann die Menge an Autoren betrachten, die Menge an Autoren die davon leben können, die Zahl der Verlage, die Verkaufszahlen, die Größe der Veranstaltungen, die Zahl der aktiven Spieler, die Menge an Bloggern, die Zahl der YouTube-Videos, der wirtschaftliche Einfluss eines Spielepreises und etwa 50 andere Metriken. Von jedem Gesichtspunkt aus sieht es anders aus und mal ist Deutschland die Nummer 1 und mal in den Top 3 oder auch mal Schlusslicht (Gewinnmarge am Spieler, echt brutal der Markt hier).

Und wie sieht es aus mit Kinderspielen? Als ich bei der Kinderspiel des Jahres-Verleihung war, dachte ich, dass wir da schon sehr führend sind. Der Siegerautor hielt noch ein Rede wie wichtig dieser Preis doch weltweit sei. Wenn man auf BGG nachfragt, wie viele Kinderspielverlage die kennen, kommt meist nur HABA USA. Und das ist eigentlich nur die US-Tochter eines deutschen Verlages. Ein Super-Rhino verkauft sich auch in Japan. Ich will anderen Ländern diesen Markt nicht absprechen, und 2014 war neben einem deutschen auch ein österreichischer und eine amerikanischer Verlag für das Kinderspiel des Jahres nominiert. Doch was in diesem Bereich auf Deutsch rauskommt ist vergleichsweise viel mehr als in anderen Ländern. Und dieser Markt, der Kinderspielmarkt, ist wichtig. Denn wenn wir uns keine neuen Spieler anerziehen, dann bricht das Gerüst wieder ein. Neue Spieler hingegen, sorgen dafür, das wir uns auch in 20, 30, 50, und 100 Jahren streiten können, welches Land eine Vorreiterrolle hat. Und das ist mir wichtiger als welches Land es nun konkret ist.