Alles Neu macht der Februar

Im Preussen vor dem ersten Weltkrieg, was ja über 100 Jahre her ist, war es Pflicht in der zweiten Klasse das Lied Alles Neu macht der Mai zu singen. Welch sinnloses Wissen dachte ich mir in dem Moment als ich das las, und natürlich war mir bewusst, dass mein Kopf voll von sinnlosem Wissen ist. Eine Gewisse Freude darüber, Sachen zu wissen, die im normalen Alltag keinen Wert haben, ist teil einer Schrulligkeit. Und es war eine Weile lang cool. So wie Fliegen.

Aber in unserem Hobby macht der Februar vieles neu. Die Nürnberger Spielwarenmesse schwemmt noch einmal einen großen Teil neuer Spiele auf den Markt. Und auch wenn viele davon erst im März, April, Juli, oder gar September oder Oktober erscheinen so werden doch sehr viele jetzt angekündigt. Ein Teil davon hängt mit dem Weihnachtsgeschäft zusammen. Das ganze Jahr wird darauf hingearbeitet. In Meetings werden Marketingaktionen durchgeplant und Spots und Anzeigen geplant. Und wenn Weihnachten durch ist, zusammen mit der Umtauschzeit im Januar, dann kommt wieder Februar, die nächste Spielwarenmesse und damit alles neues.

Ein spannender Kreislauf, der viele Jahre schon gilt und gerade bei Spielwaren, abgetrennt von der Brettspielen, auch fast schon unumstößlich erscheint.

Und dieses Jahr wirkt da nicht viel anderes, bis auf den Umstand, dass ich schon lange nicht mehr so viele Neuauflagen gesehen habe. Ich hatte schon mit Arne in unserer Bretterwisser-Nürnberg-Folge darüber philosophiert, dass es echt viele Neuauflagen gibt. Spiele die es schonmal gab und die nun nochmal auf den Markt kommen. Spiele die nicht wirklich neu sind, aber für einen großen Teil unserer spieler vermutlich schon. Alle paar Jahre kommt Basari als Zombie der nicht tot zu bekommen ist wieder raus. Dieses Jahr sind es einige Dutzend Spiele, wie Leinen-Los, Metro, Citadels, Notre Dame, und viele andere. Und ein echter Trend zeichnet sich ja dadurch aus, dass er unbemerkt und ungewollt kommt. Jeder glaubt den nächsten heißen Shit gefunden zu haben und in der Masse wird es das auf einmal. Great Minds think alike. Oder auf Klug-Deutsch: Zwei Doofe – Ein Gedanke.

Ich bin mir sicher, dass es so viele Neuauflagen gibt, hängt nicht damit zusammen dass die Autoren und Verlage keine Ideen mehr haben, oder die neuen nur so schlecht sind. Ganz viele arbeiten bestimmt mit Hochdruck an neuen Spielen und es sind ja auch etliche vorgestellt worden. Ich vermute es hängt eher ein bisschen mit dem bewussten bewahren zusammen. Gute Spiele leben deutlich länger und solche Klassiker, die auch heute noch gut sind, gibt es nicht alle Tage. Manche werden leicht verbessert, manche nur mit neuen Illustrationen und besserem Material ausgestattet. Es ist wie eine Retrowelle. Auf der Spitze dieser Welle ist Mister Legacy himself Rob Daviau, welcher einen Verlag mitbegründet hat um Spiele aus der richtig alten Zeit, also vor 30, 40, 50 Jahren auszugraben und verbessert wieder auf den Markt zu werfen. Und Spieler alten Schlages freuen sich auch auf diese.

Die Diskussion könnte jetzt dahin gehen zu fragen wie sinnvoll es ist zurückzublicken statt nach vorne. Alles wird besser, da ist das alte Zeug doch uninteressant. Oder?

Ein Blick in unsere heutige Politik zeigt aber auch, wie wichtig Geschichte ist. Wer da nicht aufpasst ist verdammt diese zu wiederholen und was wir derzeit sehen erinnert vielleicht nicht an das alte Preussen, aber dennoch an eine Zeit die wir hinter uns gelassen haben sollten. Ohne jetzt zu politisch zu werden, sollte klar sein, warum es wichtig ist, aus der Geschichte zu lernen und das um zu verstehen, warum manche Sachen derzeit gut oder nicht gut sind und es nicht schaden kann zu wissen was damals gut war, und was daran gut war und was es nicht war und auch heute nicht ist.

Und das ist etwas was ich bei vielen Kollegen vermisse: Einen weiteren Blick, als nur die letzten 5 Jahre unserer Brettspielgeschichte. Auch wenn echt viel passiert ist in den letzten 5 Jahren, inklusive einer Steigerung an Verlagen, Neuauflagen und neuen Spielern, so gibt es eine Zeit vor 2010, eine Zeit vor Catan und auch eine Zeit vor der Spiel des Jahres Jury. Das kann nicht immer über Nacht aufgeholt werden, aber ich freue mich über jeden der die Augen offen hält und einen Blick für die vielen alten Spiele hat und verstehe, warum viele davon verschwunden sind, und warum die anderen Klassiker geworden sind.

Und nächstes Jahr im Februar gibt es wieder einen neuen Haufen Spiele, der versucht in der einen Gruppe zu landen und nicht in der großen Anderen.

Besser Scheitern durch schönere Vorsätze

Neues Jahr – Neues Glück! Nürnberg steht vor der Tür und damit die Reste des Jahres. Wobei Rest des Jahres zu schreiben klingt sehr verwirrend wenn wir gerade erst Januar haben. Aber in Wahrheit rede ich ja vom Spielejahrgang und dabei mit einem Blick auf die Jury Spiel des Jahres, welche Ihre Deadline auf Ende März hat. Und was bis Ende März im Markt sein möchte wird spätestens in Nürnberg vorgestellt. Was nach Ende März kommt ist gefühlt schon der nächste Jahrgang oder lebt in einer Zwischenwelt wie letztes Jahr Roll for the Galaxy, welches im Mai erschien und daher für die Jury erst dieses Jahr interessant ist, aber für Essen schon als altes Eisen galt.

Mit dem Ablauf des Jahrgangs könnte man also schon jetzt auf den Spielejahrgang zurückblicken und sich überlegen was es da so alles tolles gab. Und viele haben das ja auch gerade erst getan. Dabei hatte ich selber noch gar keine Zeit die meisten Neuheiten zu spielen. Die Spiele sind zu zahlreich und ein Auswahl-Prozess fällt schwer. Ein Filtern im Vorhinein wird immer wichtiger und was durch den Filter fällt hätte es manchmal vielleicht gar nicht sollen. Als Spiel die Aufmerksamkeit zu bekommen die man möchte wird täglich schwerer. Und auch wenn Asmodee der neue Riese im Business ist, so haben sie auch einen Bauchladen voll Spiele, welche nicht alle die gleiche Aufmerksamkeit bekommen können. Eine Vermischung mit Neuheiten für nächstes Essen, welche schon jetzt vorgestellt werden lassen das Filtern noch schwerer werden.

Filtern wird immer wichtiger.

Und so sitze ich hier. Ich bin neugierig auf Spiele welche erst in 2 Monaten kommen, oder in 4 oder gar in 9 oder 12. Gleichzeitig habe ich Spiele hier die erst vor 4 Monaten rauskamen, oder vor 2 oder auch 10. Und ich möchte sie alle Spielen und davon erzählen.

Dazwischen gab es Sylvester und Neujahr. Und auch ich habe mal wieder eine Neujahrsvorsätze aufgestellt.

  1. Ich will jeden Monat vier neue Spiele mindestens einmal spielen. Damit sind nicht Neuheiten gemeint, sondern Spiele die für mich neu sind, auch wenn sie vor 3 Jahren rauskamen. Eigentlich wollte ich jede Woche eins wählen, aber ich weiß genau, dass das gar nicht so einfach ist, weil ich oft unterwegs bin. Mich auf 4 im Monat festzulegen gibt mir ein paar Freiheiten.
  2. Ich will jeden Monat vier alte Spiele spielen. Also Spiele die für mich nicht neu sind, aber deren erste Partie mindestens mehr als einen Monat her ist. Für Januar 2017 müssen das Spiele sein, deren erste Partie für mich im November 2016 oder vorher waren. Auf diese Weise will ich verhindern Neuheiten auch zu schnell wieder abzulegen.
  3. Ich will wieder mehr Zeit zum schreiben finden. Bei den Bretterwissern habe ich seit letzten Sommer nicht mehr geschrieben, zum größten Teil aus fehlender Zeit auf Grund anderer Projekte, aber irgendwie vermisse ich es, daher wird es geändert und ich möchte auch wenigstens einen Artikel pro Monat auf diesem Blog und auf dem Bretterwisser-Blog schreiben.

Das reicht schon an Vorsätzen um an mindestens einen zu scheitern. Drückt mir die Daumen das es nicht schon im Januar passiert.

Tag 4 der Tagung XIXth Board Game Studies Colloquium, 2016

Heute dann das große Finale des Colloquiums mit den aus meiner Sicht für den modernen Brettspieler spannendsten Fragen und Vorträgen. Im frühen Morgen wurden Projekte, die den Einsatz von Brettspielen in der Schule adressieren, vorgestellt. David Parlett (Hase und Igel) hat anschließend in einem für Autoren sicherlich sehr relevanten Beitrag betrachtet, ob wir das Spiel spielen oder das Spiel uns spielt. Es war wirklich ein Genuss, seinen eloquenten Ausführungen zu folgen. In der Folge ging es dann um Brettspiele und ‚Yard Sales’, in Deutschland am ehesten noch mit Flohmärkten zu vergleichen. Michele King hat dabei ihr Faible für den Besuch dieser Einkauf-Events mit ihrem Interesse an Brettspielen und den sozialwissenschaftlichen Aspekten der Analyse zusammengeführt. Nach einem Ausflug in die Nutzung klassischer Spiele (und teilweise Spielzeuge) in Spielmobilen der städtischen Jugendarbeit ging es dann in das große Finale. Tom Werneck, einer der ‚Granden’ unserer kleinen, aber feinen Brettspiel-Community, hat hier einmal den Blick über den Tellerrand geworfen und den Einfluss von Spielen auf die (soziale) Entwicklung unserer Gesellschaft(en) betrachtet. Da kam es dann auch tatsächlich zum ersten und einzigen Mal während der Tagung zu Berührungspunkten mit meinen aktuellen Forschungsthemen, insbesondere den wohlfahrtsökonomischen Aspekten der Robotik und des Ecosystem-Managements.
Dem Zwang, pünktlich am Bahnhof sein zu müssen, aber auch noch den lokalen Spielefachhandel zu besuchen (lag zum Glück genau auf dem Weg zum Bahnhof), fiel dann leider das abschließende gemeinsame Mittagessen zum Opfer. Bleibt also, ein Fazit aus Sicht eines Brettspielers zu ziehen, was sich durchaus vom Fazit des Wissenschaftlers unterscheiden mag:

Die ersten beiden Tage des Colloquiums waren vollumfänglich historischen, antiken und darin sehr spezifischen Fragestellungen gewidmet. Beispielsweise, wenn es um alte Schachfiguren oder indische Spielbretter ging. Mein persönlicher Mehrwert als Brettspieler darin: Nahe Null, sehr nahe. Der Wert des Austausches in den Pausen mit Gleichgesinnten hingegen: Sehr hoch. Hier zeigt sich übrigens ansatzweise auch eine Parallele zu wissenschaftlichen Konferenzen meiner eigenen Disziplin. Die letzten beiden Tage hatten auch immer wieder Bezug zu modernen Brettspielen. Als Spieler: prima. Als Wissenschaftler hätte ich mit etwas mehr Rigor in den dargestellten Projekten gewünscht. Wenn ich mir also für zukünftige Konferenzen etwas wünschen dürfte, würde ich die beiden inhaltlichen Blöcke parallelisieren, d.h. die Dauer der Konferenz kürzen. Die gewonnene Zeit könnte ja zum Spielen verwendet werden, hier hatten die Vertreter der ‚Antikfraktion’ meines Erachtens erheblichen Nachholbedarf. Ich stehe gerne zur Verfügung, moderne Autorenspiele zu erläutern. Das hatte am letzten Abend gut funktioniert, The Game und Codenames wurden noch recht lange gespielt – mit Überraschung, dass man auch mit anderen Spielen als Go und Pachisi Freude haben kann.
Das Colloquium wird im kommenden Jahr in Kopenhagen stattfinden, unter http://www.bgs20.tors.ku.dk sind bereits erste Informationen dazu zu finden. Organisatorisch haben die Mitarbeiterinnen des Deutschen Spielearchivs jedoch große Fußstapfen hinterlassen. Das war wirklich toll gemacht.

Tag 3 der Tagung XIXth Board Game Studies Colloquium, 2016

Hui, heute gab es direkt mehrere große Highlights auf dem Colloquium. Im Morgen stand eine Exkursion zum Haba-Produktionswerk der Habermaaß GmbH an. Einziger Nachteil: Von Nürnberg aus waren das fast 2,5 Stunden Fahrt hin und danach wieder zurück. Der Aufenthalt bei Haba hätte dafür gerne länger ausfallen dürfen, z.B. auch, weil Markus Nikisch unserer Gruppe wirklich spannende Einblicke in die Produktionsprozesse ermöglicht hat. Das ein oder andere Detail, z.B. zu Obstgarten oder der gelben Schachtelfarbe der Haba-Spiele, war wirklich spannend zu erfahren. Darf ich hier aber nicht weitererzählen, sonst komme ich mit dem Bohr-Roboter in einen Käfig. Daher nur noch so viel: Die Currywurst in der hauseigenen Kantine ist empfehlenswert. Ob der Werksverkauf das auch ist, kann ich leider nicht sagen, weil für einen Besuch dort die Zeit leider nicht mehr ausreichte.
Zurück in Nürnberg folgten dann Beiträge zu mathematischen Aspekten von historischen Spielen. Zugegebenermaßen musste ich danach noch ein bisschen arbeiten und zwei Vorträge auslassen, so dass die Vortragsreihe mit drei erneut interessanten Beiträgen ausklang. Ralf Kuhn hat dabei spannende Einblicke in die Veränderungen von Spielgrafiken im Zeitverlauf, schön zu sehen bei Café International, gegeben. Deren Anlass waren unter anderem Änderungen in der moralischen Akzeptanz von dargestellten Szenerien – im genannten Beispiel die Zigaretten auf dem Schachtelcover – oder aber eine unterschiedliche Vorstellung von political correctness in verschiedenen Ländern. Anschließend ging es um den Einsatz von Spielen in Lernumgebungen für die Fremdsprachenqualifikation bevor zum Abschluss des Tages eine Würdigung des Schaffens von Alex Randolph zu seiner Zeit in Japan erfolgte. Zu den Spielen und Prototypen von Alex Randolph gibt es im Archiv auch eine spannende Ausstellung die dann für uns geöffnet wurde. Gleichsam wurden auch einige Archivräume zur Besichtigung geöffnet, bevor es in das letzte Highlight des Tages ging: Endlich spielen. Zwei Spiele kamen in meinen Runden auf den Tisch, The Game sowie Codenames. Ersteres das heimliche Spiel des Jahres (der Herzen) in der vergangenen Runde, letzteres der heißeste Anwärter auf den Titel in diesem Jahr.
Überraschend für mich persönlich war in den The Game-Runden der zu spürende geringe Bezug zu modernen Spielen der doch eher in der Altertumsforschung aktiven Kollegen. Daher war es um so schöner zu sehen, dass das Spiel dennoch auch nach meinem Wechsel der Spielrunde noch weiter gespielt wurde. Codenames führte dann erneut dazu, dass Bekundungen wie „ok, eine flotte Runde kann ich mitspielen“, völlig über den Haufen geworfen wurde. Das Spiel hat wirklich Suchtcharakter.

Tag 2 der Tagung XIXth Board Game Studies Colloquium, 2016

Am Abend des zweiten Tages komme ich im Anschluss an das obligatorische Conference Dinner nun noch kurz zu einer knappen Zusammenfassung des Tages. Zur Eröffnung des Tages ging es in drei Beiträgen um einzelne Spielsteine, erneut wieder mit Schach oder historischen Spielen aus dem asiatischen Raum verknüpft. Auch hier gilt schon wie gestern: Mangels Kenntnis der Materie kann ich dazu kaum etwas sagen. Sehr spannend war der anschließende Vortrag, bei dem Exponate aus der Sammlung des verstorbenen Werner Pöll vorgestellt worden. Er hatte sich in seiner Sammelleidenschaft hölzernen Spielsteinen mit Prägungen verschrieben. Spannend dabei auch die Einblicke in historische Produktionsmechanismen der Teile.
Wie so oft bei Konferenzen spielt die Musik aber insbesondere in den Pausen. Eine spannende Diskussion mit Dr. Bernward Thole hat mich zum intensiven Nachdenken über den Begriff der Spielmechanik bewogen – eine alternative Begrifflichkeit ist mir aber zwischenzeitlich immer noch nicht eingefallen. Die Mittagspause wurde abgerundet durch eine Führung durch das Gebäude, in dem sich Teile des Deutschen Spielearchivs befinden. Dieses wird gerade nach historischem Vorbild wieder neu aufgebaut.
Gestärkt ging es dann in die Nachmittagssessions, die sich nun stärker mit modernen Spielen beschäftigten. Angefangen mit Werbespielen und deren unterschiedlichen Ausprägungen – einige wirklich spannende Exponate sind auch derzeit im Archiv ausgestellt – ging es über zu Würfeln. Allerdings ohne Würfel. Wie das? Ganz einfach, mit den Würfelautomaten der Firma Erich Röber Apparatebau. Wirklich faszinierend. Ich überlege gerade, mir ein Exemplar für meine Spielesammlung zuzulegen. Anschließend wurde es dann vom Titel her richtig spannend, sollte doch das Spiel des Jahres über 20 Jahre retrospektiv betrachtet werden. Leider muss ich zugeben, dass die hier verwendete Datenbasis sowie der methodische Ansatz meines Erachtens nicht ausreichen, wenngleich eine initiale Idee für eine spannende Forschungsfrage durchaus gegeben sein könnte. Ich hoffe, in den noch folgenden Tagen einige Gedanken dazu mit dem Vortragenden austauschen zu können. Und auch das gibt es auf jeder wissenschaftlichen Konferenz einmal: Einen Vortrag, den ich wunderschön fand, jedoch weder in den Kontext Brettspiel einordnen konnte noch die Quintessenz eindeutig ziehen konnte. Nichtsdestotrotz war damit Gesprächsstoff für die anschließende Besichtigung der historischen Nürnberger Bierkeller gegeben.

Tag 1 der Tagung XIXth Board Game Studies Colloquium, 2016

Derzeit bin ich als fachfremder Wissenschaftler – eigentlich beschäftige ich mich ja mit Wirtschaftsinformatik – auf dieser Tagung zur Forschung rund um Brettspiele. Nun denn, wie noch festzustellen sein wird sind moderne Brettspiele nicht unbedingt im Fokus der Community.
Die Tagung findet in diesem Jahr in Nürnberg statt. Gastgeberin ist das Deutsche Spielearchiv welches in sehr repräsentativen Räumlichkeiten direkt in der Innenstadt von Nürnberg zu finden ist. Und insgesamt muss ich festhalten, Nürnberg ist einen Besuch wert. Ich bin zum ersten Mal hier und nachhaltig begeistert von der fantastischen Innenstadt.
Die BGS hebt sich in einigen Aspekten von den für mich üblichen Tagungen ab. Z.B. ist die Welt hier bei weitem noch nicht so ‚powerpointerisiert’ wie in meiner Disziplin. Das liegt vielleicht auch am Background der Vortragenden. Neben Hochschulmitgliedern finden hier nämlich auch Vorträge von Autoren, Sammlern, Privatpersonen oder Studierenden ihren Platz. Insgesamt eine sehr spannende Mischung, aber auch durchaus eine spezielle Community mit oftmals sehr tiefgehenden Detailkenntnissen.
Der heutige erste Tag war geprägt von Beiträgen zu ‚ancient games’ sowie von Beiträgen mit Bezug zum Schachspiel. Dabei zeigt sich, dass Rückschlüsse auf das Spielverhalten der alten Griechen nur aufgrund einer Abbildung auf einer historischen Vase schwerlich zu treffen sind. Spannend war hingegen ein Vortrag zu münzähnlichen Bronzeprägungen, deren Verwendung bei den Römern nicht abschließend geklärt ist. Es besteht vielleicht durchaus die Möglichkeit, dass diese zu einer Art eines Spiels gehören könnten, jedoch konnte auch hier noch kein Beleg gefunden werden. Dass die Prägungen erotische Situation verbildlichen, hat jedoch in jedem Fall das Interesse am Vortrag massiv aufrecht erhalten. 🙂 Übrigens, ein Aspekt ist übereinstimmend mit meinem Forschungsfeld: Es ist deutlich durch Männer dominiert. Ein Beitrag zur Verwendung von Spielmechanismen in Computerspielen ist ein wenig untergegangen, das liegt wohl doch zu sehr außerhalb der Interessen der Community.
Anschließend wurde die Bedeutung und Verbreitung des Dame-Spiels betrachtet, wobei interessante Rückschlüsse aus der Verbreitung von Lehrmaterial (z.B. Bilderbücher, um Buchstaben zu lernen) gezogen werden konnten. Darin fanden sich nämlich oftmals Dame-Bretter zur Visualisierung des Buchstabens ‚D’. Im Vergleich dazu wurde z.B. Schach niemals herangezogen. Spannend ist auch die Möglichkeit, Rückschlüsse zur Entstehung von Spielen anhand von Patentunterlagen aus den Niederlanden zu ziehen. Die dann folgenden Vorträge fokussierten auf Indian Chess; mangels Wissen über die dortige Kultur und deren Spiele muss ich hier jedoch mit einem Bericht passen. Im späten Nachmittag folgten dann noch Beiträge zur Entdeckung von Spielen in den Felsenstadt Petra, wo sich immer wieder in den Stein geschlagene Muster von Vertiefungen finden. Interessant dabei: Archäologen hatten zunächst keine Idee, was deren Zweck sein gewesen sein könnte und haben sich über den Hinweis aus der Brettspiel-Forschung sehr gefreut. Nun möchten beide Forschergruppen stärker kooperieren. Interessant auch die Masse an in den Stein gehauenen Spielbrettern für traditionelle Spiele in einer Festungsanlage in Frankreich.
Der erste Tag der BGS 2016 endete mit der üblichen Welcome Reception, also ein paar offiziellen Reden verbunden mit leckeren Häppchen.

Der Handel mit dem Handel

Heute will ich über die GTS reden. Etwas was euch hoffentlich genauso interessiert wie mich. Und mit GTS meine ich nicht etwa einen Gran Turismo Sport oder so manch andere Autotechnik. Nein es geht um Spiele also bleiben wir bei Spielen. Wobei wir auch nicht über die Game Theory Society reden wollen. Auch wenn das furchtbar spannend wäre und deren nächste Konferenz in 2016 mit Maastricht auch Nahe genug ist, um da vorbeizufahren, wollen wir heute weniger über solche Singe reden. Ich will über die GAMA Trade Show reden.
Die GAMA ist die Game Manufacturers Association. Eine Gruppierung die die Interessieren der Spielverlage repräsentiert. Das tut sie in den USA inzwischen seit deutlich über 30 Jahren Sie wurde im Zusammenhang mit der Origins 1977 gegründet, hat aber außer dem Origins Award nicht mehr viel damit zu tun. Ihre Hauptveranstaltung ist die Trade Show, die einmal im Jahr im März in Las Vegas stattfindet. Dafür treffen sich Verlage und Distributeure und laden alle Händler ein sich vor Ort über alles informieren zu lassen. Ein bisschen ist das wie Nürnberg, aber statt zu allem was Spiele betrifft was zu bieten wie Kuscheltiere und Holzspielzeug und Modelleisenbahn und Feuerwerkskörper und etliches anderes geht es hier nur um den Hobbymarkt. Es geht um Brett- und Kartenspiele, um Rollen- und Würfelspiele, um Sammelbare Spiele und alles was so einen US Hobby-Laden ausmacht. Und auch wenn ein paar von den Firmen vor Ort auch auf der Toy Fair in New York ausstellen, die allermeisten tun das nicht. Aber sie präsentieren sich auf der GTS.
Und hier gibt es ein großartiges Paket. Die Händler bekommen von den großen Firmen Präsentationen, was in den nächsten 6-12 Monaten geplant ist. Infos die zwar 2min später dank der Präsentation auf Twitter sind, aber nicht jeder Händler ist auf Twitter. Hier werden Deals geschlossen zwischen Kleinen Verlagen und Vertrieben. Hier werden Deals gemacht zwischen Vertrieben und Händlern und natürlich auch zwischen Verlagen und Händlern. Hier wird über Marketingmaßnahmen geredet, Händler sagen was bei ihnen funktioniert und was nicht und natürlich seit den letzten Jahren auch was alles auf Kickstarter gerade passiert. Und natürlich sind dazwischen auch Produktionsfirmen, die bei Verlagen um Aufträge buhlen. Das sind wichtige Eindrücke und Meetings. Die Messe ist wichtig.
Warum gibt es sowas eigentlich nicht in Europa? Gerade in Deutschland würde es sich doch anbieten auch für den Hobbymarkt sowas zu veranstalten. Doch wer soll das in die Hand nehmen? Als ich auf der UK Games Expo vor 2 Jahren war fand dort eine Präsentation von Esdevium statt und Verlage konnten kommen und ihre Neuheiten den Händlern präsentieren. Das alles fand am Vortag der Expo statt und dauerte auch nur den Tag, aber so konnten die Händler das mit dem Rest der Messe in einem Rutsch nutzen. Für die Stores in UK war das cool.
Aber gibt es eigentlich den Deutschen Hobby-Markt? Natürlich kann ich bei Pegasus etliche kleine Hobby-Läden finden. Aus dem Metier ist der Verlag gewachsen. Auch Heidelberger hat mit seinen Flagshipstores eine große Übersicht dieser Läden auf seiner Seite. Und Heidelberg macht auch einmal im Jahr solch eine Veranstaltung für seine Stores. Aber das ist nur zwischen Heidelberger, seinen Vertragsverlagen und seinen Läden. Keine anderen Verlage, keine anderen Vertriebe. Für Heidelberger gibt es den Vorteil, dass sie die volle Aufmerksamkeit haben. Auf der anderen Seite würde es sich gerade für die Händler lohnen, wenn sie bei solch einem Zusammentreffen gleich mehr rausziehen könnten, und mit anderen Verlagen auch gleich reden könnten.
Vielleicht ist es auch wieder ein Vorteil der USA, dass sie eine Einwohnerzahl in Höhe der Gesamteuropäischen haben, ohne irgendwelche Sprachbarrieren. Was dort in letzter Zeit gewachsen ist, ist beeindruckend. Die Gen Con hat an Größe zugenommen in einem Maße die schon an Essen-Verhältnisse heranreicht, wenn nicht gerade übertrifft. DIE GTS übernimmt Aufgaben, die in Europa auch gebraucht werden. Vielleicht ist es auch das dezentrale Denken, dass wir gerade in Deutschland haben. Wir haben sämtliche Bundesministerien über das gesamte Land verteilt und haben Vergleichsweise jede Aufgabe einem anderen Teil des Landes gegeben. Für Nürnberg wäre der Wegfall der Spielwarenmesse gefühlt schon ein Todesstoß (Ich weiß etwas übertrieben, aber bei den Preisunterschieden für Hotelzimmer in der Messe-Woche und während des Rests des Jahres kommt jeder auf die Idee).
Was mir gedanklich bleibt ist die Liste der Verlage und Händler die Jahr für Jahr sich zu den anderen dazugesellen und die GTS besuchen. Die Wachstumszahlen auch dieser Messe sind beachtlich und dürfen als Selbstläufer gelten. Was den Amerikanern jetzt noch fehlt sind mehr Verlage die so groß sind wie die Deutschen Verlage.

Autorenmarke zum Kaffee

Eigentlich sollte ich jetzt hier etwas über Nürnberg schreiben. Faktisch ist aber Nürnberg für den Brettspieler nur eine kleine Veranstaltung, deren Bedeutung in den letzten 20 Jahren sich nur Richtung Essen verschoben hat. Früher mussten Produkte im Februar vorgestellt werden, die Im Weihnachtsgeschäft laufen sollten, damit der Verkauf und die Werbemaßnahmen alle ausreichend geplant werden konnten. Heutzutage ist ein Spiel aus Essen schon nach drei Monaten alter Kaffee. Von daher bin ich an dieser Stelle schon mit dem Bericht fertig. Stattdessen möchte ich über etwas reden, was noch nicht so ganz verdaut ist und in den Köpfen vieler noch rumgeistert.

Ulrich Blum hat in seiner kurzen Rede in Essen auf dem Spiel des Jahres Abend die SAZ in einer Form geprägt wie das nur wenige bis so gut wie keiner seiner Vorgänger gemacht hat. Er hat zu etwas aufgefordert was diskutiert wird. Vielleicht nur in einem kleinen Rahmen, aber es ist Hängengeblieben. Sogar in Nürnberg wurde Abends noch darüber diskutieret zwischen Jury-Mitgleidern und anderen Journalisten.

Die Autoren sollten auch eine Marke sein.

Diese Forderung ist grundsätzlich Löblich. Ein Blick auf den Film und Buchmarkt zeigt, das mit solchen Schreiber und Schauspielern geradezu geworben wird. Der neue Bruce Willis kann Leute ins Kino locken, egal worum es im dem Film geht. Und solange es mehr gute als schlechte Filme gibt bleibt die Marke an der Stelle erhalten. Aber echo ein Blick auf den Buchmarkt drängt einem ein Raten auf in wie weit das funktionieren kann bei Brettspielen.

Bei Büchern werden die Autoren gerne für ein paar Jahre an den Verlag gefesselt, weil der Verlag aus der Arbeit, die es macht den Autoren aufzubauen auch langfristig Gewinn erzielen will. Das macht absolut Sinn. Aber außer das vor vielen Jahren mal der Teuber seine Exklusivität bei Kosmos angekündigt hatte, gibt es im Brettspielmarkt nichts dergleichen. Die Autoren müssen immer wieder auf die Suche gehen für jedes neue Spiel. Und das liegt nicht nur daran, dass jedes neue Spiel wieder Arbeit für den Redakteur bedeutet. Aber ein großer Buchverlag bringt einige Hundert Bücher jedes Jahr raus. Die Zahl der Spiele ist da schon gering dagegen.

Es gibt einige Autoren die sind zur Marke geworden. Früher war es Sid Sackson. Jeder kannte ihn und seine Spiele. Später kam Alex Randolph und Reinhold Wittig, Wolfgang Kramer, Klaus Teuber, Reiner Knizia. Diese Autoren haben sich einen Namen gemacht, weil sie konstant gute Spiele rausgebracht haben zu einer Zeit, wo es noch nicht viele gute Spiele gab. Diesen Ruf haben sie sich durch die große Arbeit aufgebaut, denn die Qualität lag im Vordergrund nicht die Zielgruppe oder der Stil. Knizia ist auch für einige Spieler gefallen, weil er sich von den Strategiespielen wegbewegt hat, hin zu Spielen die sich in der Masse gut verkaufen.

Moderne Marken sind Uwe Rosenberg, Friedmann Friese, Stefan Feld und Michael Schacht. Uwe hatte einen tollen Hit mit Bohnanza, hat sich aber selber erst gefunden, als er mit Agricola rauskam und hat seitdem auch erst den Ruf. Friedemann lebt von Funkenschlag, obwohl fast alle seine anderen Spiele viel leichter sind und in eine ganz andere Richtig gehen. Aber er hat an sich als Marke immer gearbeitet wie an seinen grünen Haaren. Stefan Feld ist durch die Tatsache, daher Jahrelang der einzige Autor für die großen Spiele von Alea war, seinen Ruf aufgebaut. Er hatte auch andere Spiele bei anderen Verlagen, aber die schlugen nicht solche Wellen. Seien Marke kommt von den große Alea-Spielen. Und Michael Schacht ist für mich auch vielseitig, aber immer schnell und abwechslungsreich.

Aber eine Marke aufzubauen ist schwer, wenn der eigene Stil nicht in die Verlage passt. Wie viele Spiele kann Alea rausbringen? Oder Lookout? Das ist etwas, was die Verlage immer wieder neuen Autoren sagen, zu schauen ob die angebotenen Spiele auch in das Verlagsprogramm passen. Amigo wird keine schwerer Strategiespiele veröffentlichen wollen. Huch & Friends nehmen diese schon, auch wenn sie das noch aufbauen. Wenn ein Autor aber genug Spiele verkaufen will um davon auch einmal zu leben, muss er bei mehr als einem Verlag anklopfen. Er muss sich streuen und auch Spiele machen, die in die entsprechenden Verlagsprogramme passen. Markus und Inka Brand sind inzwischen auch eine Marke, auch wenn 90% ihrer Spiele nicht Village sind, sondern Familien und Kinderspiele. Die Verlage sind die Marke. Die meisten versuchen nicht alle zu bedienen sondern eine gewisse Zielgruppe zu bedienen. Das ausscheren aus dieser Ziellinie kann dem Verlag eher Schaden. Einen Ausbau der bei uns schon geprägt ist, seitdem jeder den MB Jungen kennt, aber niemand den Autor von Monopoly.

Zum Pflegen einer Marke gehört in unserer modernen Zeit eigentlich auch eine eigen Webseite, oder? Viele Buchautern habe eine Webseite. Wie viele Brettspielautoren? Echt wenige! Schacht hat eine, die Brandts, der Kramer, der Feld, und nicht alle sind auf dem aktuellen Stand. Nicht mal Ulrich Blum hat eine eigene Webseite. Das heißt er hat noch eine von seiner Zeit als Schauspieler, aber diese ist seit 6 Jahren nicht mehr auf den neusten Stand gebracht worden. Aber Uwe Rosenberg und Klaus Teuber haben sich keine zugelegt und Rüdiger Dorn pflegt seine Seite auf der Webseite von Alea.

Ich bin auch für die Marke. Ich bin auch dafür, wenn ich einen Feld öffnen eine Feld vorzufinden, sowie wie ich es liebe, wenn ich einen Hans im Glück zu öffnen, einen Hans im Glück vorzufinden. Da muss aber noch viel getan werden. Sowohl von der Verlagsseite, als auch besonders von der Autorenseite. Unterm Strich können alle davon profitieren.