Feb 11

Alles Neu macht der Februar

Matthias Nagy,  2017      

Im Preussen vor dem ersten Weltkrieg, was ja über 100 Jahre her ist, war es Pflicht in der zweiten Klasse das Lied Alles Neu macht der Mai zu singen. Welch sinnloses Wissen dachte ich mir in dem Moment als ich das las, und natürlich war mir bewusst, dass mein Kopf voll von sinnlosem Wissen ist. Eine Gewisse Freude darüber, Sachen zu wissen, die im normalen Alltag keinen Wert haben, ist teil einer Schrulligkeit. Und es war eine Weile lang cool. So wie Fliegen.

Aber in unserem Hobby macht der Februar vieles neu. Die Nürnberger Spielwarenmesse schwemmt noch einmal einen großen Teil neuer Spiele auf den Markt. Und auch wenn viele davon erst im März, April, Juli, oder gar September oder Oktober erscheinen so werden doch sehr viele jetzt angekündigt. Ein Teil davon hängt mit dem Weihnachtsgeschäft zusammen. Das ganze Jahr wird darauf hingearbeitet. In Meetings werden Marketingaktionen durchgeplant und Spots und Anzeigen geplant. Und wenn Weihnachten durch ist, zusammen mit der Umtauschzeit im Januar, dann kommt wieder Februar, die nächste Spielwarenmesse und damit alles neues.

Ein spannender Kreislauf, der viele Jahre schon gilt und gerade bei Spielwaren, abgetrennt von der Brettspielen, auch fast schon unumstößlich erscheint.

Und dieses Jahr wirkt da nicht viel anderes, bis auf den Umstand, dass ich schon lange nicht mehr so viele Neuauflagen gesehen habe. Ich hatte schon mit Arne in unserer Bretterwisser-Nürnberg-Folge darüber philosophiert, dass es echt viele Neuauflagen gibt. Spiele die es schonmal gab und die nun nochmal auf den Markt kommen. Spiele die nicht wirklich neu sind, aber für einen großen Teil unserer spieler vermutlich schon. Alle paar Jahre kommt Basari als Zombie der nicht tot zu bekommen ist wieder raus. Dieses Jahr sind es einige Dutzend Spiele, wie Leinen-Los, Metro, Citadels, Notre Dame, und viele andere. Und ein echter Trend zeichnet sich ja dadurch aus, dass er unbemerkt und ungewollt kommt. Jeder glaubt den nächsten heißen Shit gefunden zu haben und in der Masse wird es das auf einmal. Great Minds think alike. Oder auf Klug-Deutsch: Zwei Doofe – Ein Gedanke.

Ich bin mir sicher, dass es so viele Neuauflagen gibt, hängt nicht damit zusammen dass die Autoren und Verlage keine Ideen mehr haben, oder die neuen nur so schlecht sind. Ganz viele arbeiten bestimmt mit Hochdruck an neuen Spielen und es sind ja auch etliche vorgestellt worden. Ich vermute es hängt eher ein bisschen mit dem bewussten bewahren zusammen. Gute Spiele leben deutlich länger und solche Klassiker, die auch heute noch gut sind, gibt es nicht alle Tage. Manche werden leicht verbessert, manche nur mit neuen Illustrationen und besserem Material ausgestattet. Es ist wie eine Retrowelle. Auf der Spitze dieser Welle ist Mister Legacy himself Rob Daviau, welcher einen Verlag mitbegründet hat um Spiele aus der richtig alten Zeit, also vor 30, 40, 50 Jahren auszugraben und verbessert wieder auf den Markt zu werfen. Und Spieler alten Schlages freuen sich auch auf diese.

Die Diskussion könnte jetzt dahin gehen zu fragen wie sinnvoll es ist zurückzublicken statt nach vorne. Alles wird besser, da ist das alte Zeug doch uninteressant. Oder?

Ein Blick in unsere heutige Politik zeigt aber auch, wie wichtig Geschichte ist. Wer da nicht aufpasst ist verdammt diese zu wiederholen und was wir derzeit sehen erinnert vielleicht nicht an das alte Preussen, aber dennoch an eine Zeit die wir hinter uns gelassen haben sollten. Ohne jetzt zu politisch zu werden, sollte klar sein, warum es wichtig ist, aus der Geschichte zu lernen und das um zu verstehen, warum manche Sachen derzeit gut oder nicht gut sind und es nicht schaden kann zu wissen was damals gut war, und was daran gut war und was es nicht war und auch heute nicht ist.

Und das ist etwas was ich bei vielen Kollegen vermisse: Einen weiteren Blick, als nur die letzten 5 Jahre unserer Brettspielgeschichte. Auch wenn echt viel passiert ist in den letzten 5 Jahren, inklusive einer Steigerung an Verlagen, Neuauflagen und neuen Spielern, so gibt es eine Zeit vor 2010, eine Zeit vor Catan und auch eine Zeit vor der Spiel des Jahres Jury. Das kann nicht immer über Nacht aufgeholt werden, aber ich freue mich über jeden der die Augen offen hält und einen Blick für die vielen alten Spiele hat und verstehe, warum viele davon verschwunden sind, und warum die anderen Klassiker geworden sind.

Und nächstes Jahr im Februar gibt es wieder einen neuen Haufen Spiele, der versucht in der einen Gruppe zu landen und nicht in der großen Anderen.








Nov 21

Der Neue – Abenteuer eines Regals

Matthias Nagy,  2015      

Alle Jahre wieder…

Ungefähr so beginnt das mit der Weihnachtszeit, bzw. der Vorweihnachtszeit. So beginnt das aber mit der Spielmesse in Essen die den neuen Spieljahrgang einläutet. Und so beginnt aber auch so mancher Alptraum der bei den meisten ein unerwähntes Schattendasein fristet. Ein Alptraum, dessen Hülle des Schweigens ich endlich lüften muss.

Vor sechs Wochen ging die Messe zu Ende. Ich habe schon seit sehr vielen Jahren nicht mehr so wenige Spiele mitgebracht wie in diesem Jahr und dennoch ist es sehr viel geworden und der Platz muss her. Wir haben seitdem nicht mehr auf unserem Sofa sitzen können. Ein Sofa auf dem wir nur sitzen, wenn wir uns einen Film anschauen, aber, dann wird halt kein Film gesehen.

Obwohl wir uns jedes Jahr vornehmen uns gleich wieder von Spielen zu trennen, die wir nicht wollen, weil wir nicht mögen oder die einfach heute nicht mehr gut genug sind, schaffen wir es jedes Jahr aufs neue nicht. Die neue Spiele stehen auf dem Fußboden vor den Regalen auf dem Sofa und oft werden sie auch hin und her bewegt um mal hier oder dort Platz zu machen. Die traurige Reaktion ist dann meist: ein neues Regal muss her. Oder gleich eine neue Wohnung. Die letzten drei Umzüge hatte ich schon mal ausführlich geschildert, waren aus Expansionsgründen der Spielsammlung.

Zwischendurch haben wir einen Rappel bekommen, Regale abgebaut und rund 800 Spiele in den Keller verfrachtet, bis wir die Zeit finden sie zu verkaufen, aber in der Zeit könnte man dann ja nicht spielen. Das sit vier Jahre her, seitdem sind vier neue Regale wieder in die Wohnung gelangt, welche alle von oben bis unten voll sind.

Dieses Jahr wollte ich kein neues Regal. Ich hatte schon extra sehr wenige Spiele mitgenommen und die noch freie Wand ist unsere Fläche für den Projektor, wenn wir mal zu Hause was schauen wollen. Ein bisschen Kino-Feeling kann nicht schaden. Aber wie oft machen wir das denn tatsächlich? Ein neues Regal muss her und die Wand wird dann halt zugemacht. Meine Frau hätte auch gleich zwei oder drei gekauft, weil dann gleich vorgesorgt wäre, aber aus meiner Erfahrung wären die sofort voll gewesen und nächstes Jahr hätten wir keinen Wandplatz mehr gehabt. So konnten wir das Problem auf 2018 verschieben. Ein Problem das bestimmt niemand von den Lesern hier kennt und daher auch nie hätte.

Aber mit dem Ändern der Regelwand ist es ja in so einem Haushalt nicht getan. Da fällt ein Rattenschwanz an Arbeit mit an. Der Projektor soll in das Nachbarzimmer, wo der große Sohn drin ist. Sein Fernseher soll in das Zimmer des Kleinen rein und bei der Gelegenheit, wenn man schon was anfasst, könnten die Zimmer gleich renoviert werden.

Wir fangen mit dem ersten Zimmer an, räumen es leer und meine Frau geht an ihre Handwerkstätigkeit. Sie hat dafür den Finger. Ich darf solange kochen und einkaufen. Dann wird das Zimmer des Kleinen wieder neu eingerichtet und Kinderregale fliegen raus und Spielzeug wird gestiftet. Das fühlt sich gut an. Nun das nächste Zimmer. Das alte Sofa ist langsam kaputt und muss zerlegt und zum Sperrmüll gefahren werden. Neue Farbe wird gekauft und auch das Zimmer wird renoviert. Essen ist inzwischen 6 Wochen her und die Spiele stapeln sich immer noch auf dem Sofa und dem Boden. Zusammen mit Ausrangiertem aus den Kinderzimmern und auch einem noch nicht aufgebautem Regal.

Vielleicht hätte ich einfach gar keine Spiele in diesem Jahr kaufen sollen, aber wir wollen eigentlich realistisch bleiben. Eher wird die Halbe Wohnung umgestaltet, als das ich auf neue Spiele verzichte. Und da meine Frau genauso ein Spielejunkie ist wie ich, sieht sie auch nicht ein auf Neuheiten zu verzichten, auch wenn sie es meinen Fingern überlässt, was da reinkommt. Die Zeit hat sich nicht, zwischen Beruf, Familie und Renovieren.

Der Gendanke, dass es vermutlich einfacher wäre einfach Spiele auszurangieren oder erneut umzuziehen stellt sich halt immer wieder ein, aber auch der Größe einer Wohnung sind Grenzen gesetzt und es tut ja auch deutlich weniger weh, ein paar Zimmer umzustellen, als Spiele wegzugeben. Kommt da Trennungsschmerz dazu? Wann sind wir Spiele-Messis?

Gefühlt haben wir wenig Platz in unserem Spiel-Wohn-Zimmer, welches eigentlich das Größte Zimmer der Wohnung ist. Scheinbar ist jedes Jahr eine Komplettrenovierung nötig. So kann sich keiner beschweren, das die Wohnung verkommt, aber vielleicht hätte ich tatsächlich einfach gleich 3 Regale nehmen sollen, nur um mir die Renovierung in den nächsten 2 Jahren zu sparen.








Aug 30

Heute in der Wiederholung: Neue Spiele

Matthias Nagy,  2015      

Synes Ernst hat neulich einen schönen Artikel geschrieben, in dem den Kult um das Neue etwas relativierte und deutlich gemacht hat, das Innovationen eher selten sind. Und auch wenn ich da in der Aufzählung einige heutige Standards wie Caylus (Worker-Placement) und Dominion (Deckbuilding) vermisse die Innovativ genug waren, dass sie eine eigene Spielgruppe begründet haben, so ist seine Kernaussage die richtige. Innovativ sein ist vor solch einem Hintergrund kaum möglich und der Wunsch, dass ein Spiel selbiges ist, eigentlich von Vorne weg zum Scheitern verurteilt. Aber Innovativ kann in vielen Fällen nur noch die Komposition sein. So wie es Spitzenköchen gelingt aus denselben Zutaten, die ich im Supermarkt kaufe, ein Gericht zuzubereiten, das mir im Leben nicht gelingen würde, so schaffen es einige Autoren aus den vorhandenen Mechanismen dennoch Variationen zu basteln die genial sind. Variationen auf die ich Hunger bekomme.

Wer ein Kind hat, wird mit ein paar Interessanten Fakt vertraut gemacht. Neugeborene ernähren sich die ersten Monate nur von Muttermilch. Nach 4 bis 6 Monaten kommt der erste Brei und der Stand des Wissens sagt, das dies in den ersten Wochen auch bitte jeden Tag dasselbe sein soll. Variationen in der Ernährung sind da gar nicht wichtig. In meiner Kindheit hätte ich jeden Tag dasselbe essen können, zumindest bis ich mit 10 Jahren die Serie Ravioli gesehen habe, in der es nur Ravioli zu essen gab und den Kindern das recht bald zum Halse raus hing. Irgendwann ändert sich der Mensch und er will nicht immer das Gleich essen, sondern will Abwechslung. Er entdeckt die Geschmacksknospen in seinem Mund so wie Rémy in Ratatouille und will neues kennenlernen und verbinden. Andere bekommen nie diese Chance und sind zufrieden mit dem was sie essen.

Ein weiteres Beispiel ist die berühmte Sesamstraßenfolge in der James Earl Jones das Alphabet vorliest. Zuerst wird der Buchstabe eingeblendet, dann liest er ihn vor. Wenn die Kinder das das erste mal sehen sprechen sie es nach. Nach ein paar weiteren Betrachtungen sprechen sie es gleichzeitig und ab einem gewissen Punkt sagen sie es sogar bevor es vorgelesen wird. Die Wiederholung ist im Lernprozess tief verankert. Diesen Effekt hat zur Entwicklung der Fernsehsendung Blau und Schlau geführt. Nach demselben Muster geht es in jeder Sendung darum, dass ein Rätsel gelöst werden muss und die Kinder da helfen sollen. Damit die Kinder einen Lernprozess haben, wird dieselbe Folge jeden Tag wiederholt. Von Montag bis Freitag. Eine neue Folge gibt es erst am Montag dadrauf. Als Erwachsener würden wir nie freiwillig solch eine Sendung mehr als einmal ansehen, auch wenn ich zu den Leuten gehöre die tatsächlich Rocky Horror Picture Show über 100 mal gesehen haben (und ein paar andere Filme meiner Jugend), so reicht es mir heute oft jeden Film nur einmal zu sehen und dann zum konsumieren lieber zum nächsten Film zu greifen.

Und ich rede hier bestimmt nicht von wenigen Menschen, für die es nur ein Spiel gibt. Sie spielen 1000 Mal Catan und nur Catan, weil sie davon nicht genug bekommen können. Oder sie müssen erneut Carcassonne auf den Tisch bringen und nur Carcassonne. Oder eine weitere Runde Kniffel mit Freunden in der Kneipe, und nur Kniffel. Daran ist nicht verkehrt und ich gönne jedem sein Glück, solange er Spaß hat. Aber irgendwann kommt man auf den Geschmack. So wie Rémy habe ich Kompositionen von Mechaniken gesehen. Ich habe erlebt wie dabei etwas neues ersteht und wie mein Gehirn dabei platzte, weil es vor Freude aus dem Staunen nicht mehr raus kam. Und auch wenn ich viele Spiele gerne sehr oft Spiele, irgendwann will ich was Neues ausprobieren. Ich will neue Mechanikknospen in meinem Gehirn aktiviert sehen. Ich möchte sehen wie sich die Kombination spielt, von der alle so reden. Und dafür gibt es dann auch gerne einmal die Woche auch bekannte Kost die immer noch lecker schmeckt, auch wenn ich sie schon seit 20 Jahren spiele, wie Linie 1.

Der goldene Kuh-Reigen in Essen steht vor der Tür und in fünf Wochen ist eine nicht gerade kleine Menge Menschen bereit sich wieder auf die Neuheiten zu stürzen. Neuheiten die selten Innovativ sind und oft einfach nur spannend kombiniert sind. Neuheiten die nicht jeden überzeugen, weil er kein Worker-Placement-Schnitzel mag, sondern lieber zum Partyspiel-Brokkoli greift. Das ist legitim. Aber Edelrestaurant- und Fast-Food-Kritiker wie wir von der schreibenden Zunft wollen so viele Geschmacksrichtungen wie möglich essen. Es gibt keinen Grund das zu lassen. Wer weiterhin nur Muttis Eintopf essen möchte, der darf das! Aber wer uns nach einem Tipp fragt, wird was anderes hören. Wir brauchen neue Spiele.








Jun 30

Zwanzig Mal Fußball WM

Matthias Nagy,  2014      

Es gibt die Leute die Fußball als so toll empfinden, das sie sich möglichst alles dazu in den Kopf packen. Viele verfolgen was passiert und achten in erster Linie auf ihre eigene Lieblingsmannschaft. Es gibt auch die, die nur bei der Europameisterschaft und der Weltmeisterschaft aus ihren Löchern kriechen und sich mit dem Sport beschäftigen und es gibt natürlich noch die Totalverweigerer, die selbst solche Gelegenheiten komplett ignorieren sich mit diesem Sport zu beschäftigen. Ein Sport, der für sehr viele Menschen der wohl wichtigste Sport in ihrem Leben ist. Wie kann das nicht für jeden das Ereignis sein?

Bei uns Brettspielern ist das nicht viel anders. Da sind die Immer-Spieler, die einmal die Woche-Spieler, die Öfters-im-Jahr-Spieler und natürlich die Was-gibt-es-denn-unterm-Weihnachtsbaum Einmal-im-Jahr-Spieler. Doch selbst unter diesen gibt es Gruppen die nie auf einen Ast kommen. Es gibt die, die direkte Interaktion als wichtig empfinden, die Geselligen, die für jedes Kommunikationsspiel zu haben sind, die Strategiespieler, denen es nicht anspruchsvoll genug sein kann, die Beschäftiger, denen es nicht auf die Spielzeit ankommt, sondern auf das Entwickeln und natürlich die Thematiker, denen es am wichtigsten ist das ein Spiel seinen Flair vermittelt und nicht ausgewogen oder anspruchsvoll ist. Die Mischgruppen machen hier nochmals so einiges vielfältiger.

Aber wenn man jeden von diesen Spielern fragen würde was macht ein gutes Spiel aus, dann würden oft ähnliche Argumente kommen. Jeder will oft dasselbe und diese werden so schwammig wie möglich formuliert. Wenn diese aber an Beispielen festgemacht werden sollen, dann funktioniert das wieder nicht. Was der eine als fröhliches Kommunikationsspiel empfindet, ist für den anderen ein trockenes Glücksspiel. Während einer es als Interaktiv empfindet, bei Agricola dem anderen ein Feld wegzunehmen, er hätte ja schneller sein können, ist dem anderen Abluxxen schon zu kommunikativ und laut. Verkaufszahlen und Ranglisten können da demokratisch entscheiden, wenn es denn wichtig ist.

Nun ist ja gerade Weltmeisterschaft im Fußball und wenn man nicht nur die Spiele verfolgt, sondern ein paar andere Fetzen im Internet aufsammelt, dann kommen schon interessante Kleinigkeiten raus. Gerade in den USA kenne ich aus beruflichen Gründen einige Brett- und Kartenspieler und diese verfolgen auch den World Cup zum Teil mit mehr und zum Teil mit weniger Interesse oder Ablehnung. Das der Sport langsam in den USA Fuß fasst ist auch daran zu sehen, das an kein anderes Land soviel Karten verkauft wurden dieses Jahr wie an Interessierte aus der USA.

Natürlich werden da wieder unterschiedliche Aspekte beleuchtet. Einer ist es gewohnt über Magic-Turniere zu reden, von diesen zu berichten und die Spieler und ihre Decks zu durchleuchten, so dass er die kompetitiven Elemente ins Sichtfeld bringt. Für ihn sind die Spieler wie Karten in seinem Magic-Deck, und die Strategien lassen sich auf eine Art Stein-Schere-Papier runterbrechen. Solange er daran Spaß hat, freue ich mich über seine Beobachtungen und kann seinen ausführlichen Schlussfolgerungen folgen, auch wenn sie dann am Ende falsch liegen.

Ein anderer ist da weniger zimperlich und mault die ganze Zeit, was an dem Sport alles geändert werden müsste, um es interessanter zu gestalten. Kürzerer Spielblöcke, weniger Showeinlagen der Spieler, ein robusteres Regelwerk, und was noch alles an Ideen ankommt. Es ist seine erste WM die er mitverfolgt. Für jemanden der mit dem Sport nicht groß geworden ist, kann es auch sehr befremdlich wirken.

Mit diesem Mind-Set werden aber auch von vielen Brettspielern Neuheiten betrachtet. In 2 Wochen ist die Fußball-WM vorbei und dann schauen alle, die es bisher nicht getan haben, wieder auf Essen und seine Neuheiten. Durch das frühe Essen auf der GenCon gibt es einiges schon jetzt zu erleben und zu erfahren. Kickstarter- und Spieleschmiede-Aktionen bewerben ihr Spiel schon jetzt um möglichst viel Finanzierung zusammenzubekommen, wenn das Spiel dann in Essen da sein soll. Informationen werden hier aufgesaugt, wie ein Schwamm.

Und in Essen und danach kommen dann wieder möglichst viele Spiele auf den Tisch. Oft nur einmal und dann ab zum nächsten. Ich werde wieder erleben wie Leute ein Spiel zu früh beurteilen, weil sie es nicht kennen. Ein Spiel das seine Qualitäten, vermutlich erst ab dem zweiten oder gar dritten Spiel erblühen lässt, so wie das Kingdom Builder getan hatte. Manche winken schon nach der Anleitung ab, als ob die Feinheiten einem in 40 Seiten nur so entgegenbringen.

Ja. Viel Spielen macht einen schlauer, aber nicht immer ist alles so einfach zu entzaubern wie es diese Spieler darstellen. Ein Verlag der ein Spiel bestimmt 100 mal getestet hat ist vielleicht betriebslind geworden oder hat es so fein geschliffen, das jeder Spaß daran abperlt, oder es ist das grandiose Spiel geworden, das Spiel des Jahres wird. Dies aber nach einmal spielen zu erkennen ist selten bis nie drin. Die Masse kann etwas erkennen, aber nur wenn die Masse auch sich damit beschäftigt.

 








Jun 23

Der Fels der Nostalgie

Matthias Nagy,  2013      

Nach meinem letzten Beitrag bekam ich einen Kommentar, das früher doch wirklich alles besser war, und das neue oft nur noch dasselbe mit Anstrich ist. Immer dem neuen Nachhetzen wäre doch zu viel und gerade in der Masse ist das nicht mehr vertretbar. In der Fairplay wurde erst neulich (im Editorial von Ausgabe 101) berichtet das es schon 1991 eine Neuheitenflut von (Achtung festhalten!): 40 (In Worten: V-i-e-r-z-i-g!) Spielen gab. Wer sollte die denn alle spielen?

Ja damals war alles cool und früher war alles besser. So einen Spruch kann man überall hören. Da die Leute das früher auch gesagt haben hängt damit zusammen, das der Mensch Veränderungen sucht aber auch scheut. Die Veränderung wirkt wie Unbehagen und macht Angst. Früher war alles so wie ich es gelernt habe. Ein Grund warum bestimmte Spieler auch lieber die x-te Variante eines Spiels kaufen, statt mal in eine andere Richtung zu gehen und andere Spieletypen ausprobieren. Wie dieses Gefühl aber schon damals war kann man an einem wunderbaren xkcd-Cartoon sehen.

Aber auch etwas anderes spielt mit rein: Nostalgie. Zur Nostalgie gehört aber auch ein bestimmtes Gemeinschaftsgefühl das durch geteilte Erinnerungen entsteht.

Gerade im Rollenspiel ist das überdeutlich. Fast jeder Amerikaner der schon in den 80ern Dungeons and Dragons gespielt hat, hat auch die großen bekannten Abenteuer gespielt: Temple of Elemental Evil, Tomb of Horror, Isle of Dread und Ravenloft um nur ein paar zu nennen. In Deutschland haben die meisten in Havena gesessen, dem damals vermutlich besten Kasten, für Das Schwarze Auge. Viele haben dieselben Erfahrungen gemacht und in der Vergangenheit waren diese Abenteuer eh alle besser. Dieses gemeinsame Erinnern an diese Abenteuer verbindet die Spieler und lässt sie eine gemeinsame Vergangenheit haben. Geteilte Erfahrungen sind ein starker Verbindungsmotor. Heutzutage spielt jeder ein anderes System und die Menge an Abenteuern, die einem heute zur Verfügung stehen, sind exorbitant groß. Die Chance das ein zufälliger anderer Rollenspieler den ich treffe dasselbe Abenteuer gespielt hat ist deutlich gesunken.

Für Brettspieler ist das nicht viel anders. In den 70ern spielten alle die coole 3M Reihe, selbst in den 80ern wurden alle Spiele auf dem Markt gespielt und zwar öfters, aber in den letzten 10 Jahren ist die Zahl der Spiele so stark gestiegen, dass niemand mehr alles gespielt haben kann. Dieser Umstand wird jedes Jahr im Vor- und Rückblick auf Essen unterstrichen. Auch wenn ein Guido sich schon outet muss, wenn er noch nie Elfenland gespielt hat, so hat in Wahrheit fast jeder die großen Spiele gespielt. Die gemeinsamen Erfahrungen mit Hase & Igel, Heimlich & Co, oder Siedler von Catan. Das sind die Felsen an denen die Brettspieler sich festhalten und die zur guten alten Zeit gehören.

Ich bin ein Verfechter der Masse. Ich finde es richtig, dass es mehr und mehr Spiele gibt. Dies gehrt zum Evolutionsprozess bessere Spiele zu entwickeln und vor allem gibt es für immer mehr Spielergruppen immer mehr Spiele. Zum Teil entstehen auch gerade dadurch neue Spielergruppen. Die Zersplitterung ist ein eigenes Problem für sich, aber auch wieder eins das nur unterstreicht, dass früher alles viel besser gewesen sein soll.

Gemeinsame Erinnerungen können aber auch heute noch entstehen. Spiele wie sie die Jury jedes Jahr auswählt sind nicht nur der Leuchtturm für Nichtspieler, die jemanden brauchen der sie führt, sondern vor allem auch der Fels, an welchem wir uns an die alten Jahrgänge erinnern. Sei es das tolle Torres 2000, das hervorragende Zug um Zug 2004, das wegweisende Dominion 2009 oder das dominierende 7 Wonders 2011. Eigentlich hat jeder diese Spiele gespielt und jeder wird in 15 Jahren von diesen Spielen noch sprechen und dabei von der guten alten Zeit reden. Die Nostalgie ist nämlich immer vorhanden und gibt uns selbst dann etwas zum festhalten, wenn die Millionengrenze in Essen geknackt wird. Ob an Neuheiten oder an Besuchern.

PS: Spielbar geht jetzt in die Sommerzeit. Peer und ich werden jetzt eher einen zweiwöchigen Rhythmus pflegen. Ab August geht es jedoch mit voller Fahrt weiter.








Mai 26

Der Zauber des Neuen

Matthias Nagy,  2013      

Das Goldene Kalb in Essen sind die Neuheiten. Das sind Neuheiten für alle; oder zumindest für die, die sich dafür interessieren. Offensichtlich für die Szene-Presse und vor allem die Hard-Core Spieler sind damit die neuen Neuheiten gemeint. Für viele andere tun das auch andere Spiele. Spiele die schon seit Jahren auf dem Markt sind, aber für diese Menschen neu sind.

Jemand hat mir mal erklärt das jeder jeden Witz mal zum ersten Mal hört. Gerade Kinder erleben Sachen oft zum ersten Mal und die Witze die sie aus dem Kindergarten, der Vorschule und auch den ersten Klassen nach Hause bringen sind für Eltern alte Hüte. Dennoch lachen wir mit den Kindern um sie aufzubauen und sie zu stärken was zu probieren. Es wäre ja deprimierend wenn die Eltern immer nur sagen, dass sie schon alles kennen. Die Kinder brauchen das Selbstwertgefühl.

Mit Spielen ist das oft nicht anders. Catan, Carcasonne, Zug um Zug, 7 Wonders und Tausende andere Spiele sind für uns alte Hasen alte Spiele. Aber wenn ich auf einer Messe sehe wie immer wieder Menschen diese Spiele Neu entdecken und sie zum ersten Mal spielen, dann ist das ein tolles Gefühl. Vor allem wenn es gute Spiele sind und sie dadurch zu Spielern werden können. Der Zauber des Neuen schlägt hier zu.

Manche sind aber auf ein paar Spiele versteift. Es ist ihr gutes Recht das eine Spiel so toll zu finden und nur noch dieses Spielen zu wollen. Die Verlage springen ein und bieten Erweiterungen. Diese geben etlichen Spielen eine Verjüngungskir, denn das Spiel ist anders und der Zauber blüht wieder auf. Auch zeigt es die Pflege eines Produkts und so das Engagement des Verlags für seine Kunden. Es ist wie auf das neue Album eines geliebten Künstlers zu hören.

Ich war dieses Wochenende in Birmingham, England und die Menge an Leuten die Zug um Zug, Siedler von Catan, 7 Wonders oder vergleichbare Spiele zum ersten Mal gespielt hat war groß. Den Zauber in ihren Augen zu sehen war wundervoll.

Es gibt aber auch anderes Neues. Neue Wege des Marketings. Ich habe lange genug im Marketing gearbeitet und tue dies auch jetzt noch, wenn auch nicht mehr in derselben Form. Eines der Mantras war immer, dass Neues ausprobiert werden muss. Der Erste der etwas probiert und damit Erfolg hat zieht sehr viele Nachahmer nach sich. So wie neue erfolgreiche Mechaniken in Spielen, neue Spiele mit dieser Mechanik nach sich zieht, ist es mit vielem anderen im Leben. Leider gibt es nicht nur gute Ideen.

Kosmos versucht dies anzugehen und neue Pfade zu beschreiten. Letztes Jahr haben sie im August ein Alternste Reality Game für die Veröffentlichung von Legenden von Andor. Der Erfolg hat Kosmos Recht gegeben, dass etwas Neues zu versuchen richtig ist. Das positive Echo in allen Medien gab der gesamten Aktion mehr Aufmerksamkeit als das Spiel wohl sonst erhalten hätte. Es wohnte natürlich der Zauber des Neuen mit rein. Und Erfolgreiches Neues hat einen doppelten Reiz.

Nun hat Kosmos noch was Neues probiert. Zuspieler hat gestern berichtet, dass sie eine Firma beauftragt haben Videovorstellungen von einem Spiel zu machen, die bezahlt werden. Näheres gibt es hier zu lesen. Das gesamte ist ein weiterer Marketingversuch. Ich halte dem Verlag zu Gute, dass er Sachen probiert. Jedoch ist es in diesem Fall ein Fauler Zauber. Möge es ein einmaliger Versuch sein.








Sep 07

41 Tage bis zur Spiel 2012 – Ausgewählte Aktionen

Jürgen Karla,  2012      

So langsam steigert sich die Nervosität der Spielergemeinde. Es sind nur noch wenige Wochen bis zum Beginn der größten Spielemesse der Welt. In Zahlen ausgedrückt bedeutet dies: Mehr als 800 Aussteller aus 36 Nationen. Beeindruckend. Und fast schon beängstigend.
Beängstigend, weil man als eingefleischter Brettspieler natürlich nichts verpassen will. Das gilt für Neuheiten von Verlagen, die alleine aufgrund eines Photos des Spielmaterials eine Vorbestellungsflut auslösen. Aber auch für die Sachen, die in den Social Media heiß beworben werden.

Ich selbst bin sehr gespannt auf die ganzen Umsetzungen von Brettspielen für mobile Endgeräte. Die ach so modernen Apps erobern derzeit die Branche. Viele Verlage spüren, dass hier eine große Chance auf ein Stückchen des großen Kuchens „Mobile Games“ besteht. Die klassischen Brettspielverlage sehen sich plötzlich in der Situation, mit den Entwicklungsstudios von Computerspielen kooperieren zu können. Noch deutlicher formuliert: Die Computerspielbranche hat Interesse an den Inhalten, die die Brettspielverlage liefern können: Soziale Interaktion, gefördert durch Brettspiele. Ich denke, dass kein größeres Lob für unser Hobby ausgesprochen werden kann, als dieser hochaktuelle Trend. Noch vor einigen Jahren wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, Brettspiele für die Nutzung am Desktop-Rechner umzusetzen (wenige Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, z.B. Die Siedler von Catan). Dafür spielt das gemeinsame Spielerlebnis einfach eine zu starke Rolle in unserem Hobby. Es zeigt aber auch, dass mobile Endgeräte eben diesen „sozialen“ Charakter aufweisen, den der Desktop-Rechner nicht hat. Kinder können mit Ihren Eltern gemeinsam auf dem Sofa oder im Garten auch auf dem Endgerät spielen (ohne Massen von Spielekartons verfügbar zu haben). Die Erwachsenen können ihre Spieleabende verlängern indem die Partien am Brett in den digitalen Umgebung eine Revanche erfahren. Ein Trend hat sich bei den „Mobile Boardgames“ nach meinem Empfinden schneller durchgesetzt als in der klassischen Branche: Eine fehlerhafte, schwache Umsetzung (Programmierung, künstliche Intelligenz) des Brettspiels wird schnell und deutlich durch den Kunden abgestraft. Sie es in Form negativer Bewertungen in den App Stores oder in der Kommunikation in den Social Media. Kunden erwarten eine grafische und vom Spielerlebnis her perfekte Umsetzung des Spiels. Dies ist ein Trend der – insbesondere wenn ich auf die Ausarbeitung vieler Spielregeln – bei unseren Brettspielen im Karton noch nicht soo stark ist. Hier ist der Kunde im Zweifel dann doch bereit und willens in Foren auf BGG oder der Webseite des Verlags nachzuschauen. Aber ich denke, dass aufgrund der starken Konkurrenzsituation (800 Aussteller, s.o.) auch hier eine Bewegung in den Markt kommt.

Worauf bin ich noch gespannt?
Eine sehr beeindruckende – und spannende – Werbeaktion betreibt aktuell Kosmos für das neue „Die Legenden von Andor“. Wer da noch nicht mitgerätselt hat, kann übrigens immer noch problemlos einsteigen. Ich bin wirklich gespannt, ob sich die hohen Erwartungen, die durch den immensen betriebenen Aufwand geschürt wurden, letztlich bestätigen. Aber ich bin da recht guter Hoffnung.
Nachdem ich nun endlich – aufgrund eines Tips von Attila – ein tolles Hängeregal für die Massen an Kartenspielen gefunden habe (Regaflex) freue ich mich auch auf viele neue Kartenspiele. Bohnanza hat in diesem Jahr seinen 15 Geburtstag gefeiert. Rund um dieses Event werden einige Aktionen durchgeführt. Z.B. eine Versteigerung von Grafiken bei Amigo zugunsten eines guten Zweckes (Freitag und Samstag um 16 Uhr, Stand 11-22).
Eine Premiere steht für uns persönlich in diesem Jahr an. Da erstmals mit Kind (und Kindertrage – mal schauen, wie das wird…) unterwegs, werden wir wohl auch bei Haba vorstellig werden. Haben die überhaupt Mehrstunden-Strategiekracher-Ultraheavy-Spiele im Programm? Nicht? Hmm, gut, dann muss ich mich da wohl umstellen 🙂
Da passt dann auch das diesjährige Thema der Europäischen Spielesammler Gilde ESG. Da geht es um Geschicklichkeitsspiele der letzten 150 Jahre. „Ich bau Dir ein… – Bauspiele“ lautet das passende Motto.

Begeisterung für ein bestimmtes Spiel muss schon vorhanden sein, wenn man die wertvolle Zeit auf der Messe für die Teilnahme an einem Turnier verwendet (erst wollte ich „opfert“ schreiben). Habe ich seinerzeit mal bei Siedler gemacht. Würde ich heute nicht mehr tun. Nichtsdestotrotz gibt es Angebote an Turnieren: Cuboro, Memory, Dominion, Carcassonne oder Warhammer Invasion sind nur einige Beispiele.

Einer der wichtigsten Punkte der Vorbereitung auf die Messe ist jedoch mit Sicherheit die Bestellung der Eintrittskarte. Das ist problemlos an den bekannten Vorverkaufsstellen möglich. Alle Infos zum Vorverkauf finden sich auch auf der Webseite des Merz Verlages.