Einspruch, Euer Ehren!

Alle Jahre wieder wird über Zahlen geredet und dabei wird immer wieder erneut eine Sicht geäußert, die für mich sehr gestrig ist. Eine Sicht, wie sie noch vor 20 Jahren funktioniert hat und inzwischen nicht mehr haltbar ist. Und wir reden hier nicht über den Kampf der Printmedien gegen Internet-Journalismus. Nein, wir reden von den Neuheiten aus Essen. Wir reden über die Geschäftspolitik der Verlage. Wir reden über den Schrei der Ohnmacht der Alles-Woller.

Es wird wieder über die Zahl gegängelt, dass diese viel zu hoch ist. Es wird darüber gemeckert, dass keiner das alles spielen kann, und dass die Spiele zu wenig Luft zum Atmen haben, weil sie nach einem Jahr wieder aussortiert werden. Dabei werden viele Kleinigkeiten übersehen, denn die eigene Sichtweise wird bedient. Eine Sichtweise in der es logischerweise nötig ist alles zu sichten, alles kennenzulernen und alles beurteilen zu können was auf den Markt kommt. Ein Umstand, der vor 20 Jahren vielleicht noch machbar war, der aber inzwischen weit davon entfernt ist nicht als Utopie bezeichnet zu werden.

Das Rekordjahr

Fangen wir mit den einfachen Zahlen an. 850 Spiele sind laut der Messe Essen auf der Spiel 14 neu vorgestellt worden. Die Spielbox hat ihre eigene Zahl, die ein bisschen abweicht, genauso wie Cliquenabend, BGG und jede andere Seite die versucht da eine Zahl zu zaubern und eine volle Übersicht über alle Neuheiten zu liefern. Und wie viele waren es im letzten Jahr? Vielleicht 800, um eine Zahl zu nennen, die im Raum war. TricTrac Frankreich hatte letztes Jahr 863 gezählt. Spielbox, Cliquenabend und BGG hatten wieder andere Zahlen. Es funktioniert irgendwie gar nicht. Gefühlt war es aber eigentlich nur genauso viel wie letztes Jahr. Da ist keine Steigerung mehr zu sehen. Wozu auch? Wozu sich in der großen Zahl versuchen. Es waren halt viele, verdammt viele.

Versuchen wir es mit anderen Zahlen. BGG hat in seiner Datenbank an Neuerscheinungen für 2013, volle 3800 Einträge. Für 2014 sind es bisher rund 3500. Vielleicht wird die Zahl noch um 300 steigen, denn auch in den kommenden 2 Monaten werden noch Einträge dazukommen, aber ist das wichtig? Diese Zahl zeigt auch eine gewisse Konsistenz. Und sie zeigt noch etwas, was alle anderen Liste gemein haben. Sie zählt alles. Waren es wirklich 850 neue Spiele? Da kam ein Spiel bei einem Verlag raus und der deutsche Vertrieb war auch vor Ort. Bei beiden wurden die Spiele gelistet und zack waren es zwei Spiele statt einem. Hochgerechnet auf die Masse an Spielen die Heidelberger, Pegasus und Asmodee vertreiben und deren Partnerverlage auch Stände hatten, kann die Zahl fast schon gefühlt halbiert werden. Sind wir mal nicht so kritisch, sagen wir es waren nur noch 550 Spiele.

Aber es geht noch weiter. Zum Teil wurden Spiele gelistet, die auch schon letztes Jahr gelistet waren, wie Machi Kori und Das Vermächtnis. Die sind jetzt auf deutsch raus. Das ist für manche Spieler neu, denn sie konnten es vorher nicht spielen, aber für die Akribiker ist das nichts neues. Und dann kommen noch die Erweiterungen mit rein. Dazu zählen große Erweiterungen wie Babel genauso rein, wie die kleinen Goodies, etwa die Haustiere für Brügge. Sind das neue Spiele oder nur Gründe, alte Spiele wieder zu spielen? BGG schließlich führt noch jede Menge weitere Projekte auf, die es nie über den Teich schaffen oder gar in die Veröffentlichungen oder sie sind eh nur Fan-Projekte. Was übrig bleibt sind etwa 300 neue Spiele. Eine Zahl, die weder zu hoch noch zu erdrückend erscheint. Aber immer noch mehr als der Normalsterbliche spielen kann, der gerne alles spielen will.

Der Blick über den Tellerrand: Im Buchgeschäft erscheinen übrigens deutlich mehr Titel im Jahr, dadrunter Wälzer die nicht an einem Tag gelesen sind. Aber auch Fortsetzungen, Neuerscheinungen, Taschenbuch-Ausgaben von vorher nur gebunden Büchern uvm. Und im Musikgeschäft ist es auch nicht viel weniger. In beiden Sparten kenne ich keinen der sagt, dass da zu viel rauskommt. Und genauso wie in diesen Sparten finanzieren sich die Spiele auch gegenseitig quer.

Der Allesspieler

Die nächste falsche Annahme ist, alles spielen zu müssen. Basierend darauf, den Verlagen den Vorwurf zu machen nicht so viel auf den Markt zu werfen, sondern lieber Klassiker zu pflegen, statt nach einem Jahr wieder zu verramschen. Das ist, als würde man die Parteien auffordern nicht mehr Politik für jeden zu machen sondern sich auf ihr Kernthema zu konzentrieren. Was mit der letzten Partei passiert ist, die das getan hat, kann man sehr gut erkennen, sie wurde nicht für voll genommen.

Gerade die großen Verlage sind Vollsortierer. Sie müssen viele Zielgruppen bedienen, um auch als großer Verlag genommen zu werden. Sie bieten auch Perlen an, die vielleicht wirklich nur für 1000 Spieler sind, und diese sind dann zufrieden, wenn sie das Spiel haben. Ein Spiel muss nicht ewiglich bestehen, so wie auch nicht jeder Mensch unsterblich ist. Aber warum für diese Menge produzieren statt mehr für die Masse? Und ich dachte Spiele sind Kulturgut und dazu gehören auch Spiele für die Randgruppen die nur 1000 Stück verkaufen.

Es gibt Spiele für Kinder, Familien, Erwachsene, Freaks, Kenner, Experten, Erzähler und Miniaturbemaler. Es gibt Karten-, Würfel-, Brett-, Rollen- und neuerdings sogar Beutelspiele. Es gibt Spiele mit einfachen, normalen und schweren Regeln. Es gibt thematische, abstrakte, Euro-, Ameritrash- und auch masochistische Spiele. Und diese Aufzählungen waren weit davon entfernt vollständig zu sein. Alleine die Schnittmengen für die Kombinationen aufzuzählen würde zu einer Grafik im fünfdimensionalen Raum führen und den Rahmen einer Essen-Show sprengen. Und jedes Spiel hat seine Berechtigung.

Aber nicht jeder muss alles spielen. Ich weiß, dass mich Wargames, Cosims und inzwischen auch wieder Kinderspiele nicht interessieren. Ich kann sie von meiner Liste streichen. Ich muss mich nicht mit abstrakten Holzspielen beschäftigen, weil ich oft keinen Spaß daran habe. Die 2er-Spiele ignoriere ich auch oft. Und sollte da doch eine Perle dabei sein, so wird man es mir näher bringen und ich kann dann immer noch drauf schauen. Ich habe mich dieses Jahr das erste Mal sehr ausführlich mit den Neuheuten beschäftigt und bin dabei an rund 140 Spiele inkl. Erweiterungen gekommen die einen Blick für mich wert sind. Muss ich alles spielen? Nein!

Der Blick über den Tellerrand: Keiner liest alle Bücher, und keiner hört jede CD da draußen. Es gibt Bücher die nur von einer kleinen Gruppe von Menschen gelesen werden, und es gibt sie in kleinen Auflagen. Gepflegt werden die Bestseller und dennoch bringt jeder Verlag jede Menge neue Bücher raus. Denn wenn etwas gut ist fliegt es nicht raus. Und bei Musikern habe ich auch noch keine Plattenfirma gehört die darauf verzichtet neue Talente zu finden und auf den Markt zu bringen, weil die alten sich schon so gut verkaufen.

Die Pyramide

Es wird immer wieder geäußert das schlechte Spiele verboten gehören, so wie schlechte Werbung verboten gehört. Dabei gilt für manche schon das Gute als Schlecht, denn es ist ja schlechter als das Bessere. Es kann nie alles gut sein, etwas ist immer besser als etwas anderes. Selbst wenn man die jeweils besten 20 Spiele der letzten 10 Jahre nehmen würde, würden da Gurken im Vergleich zu anderen Spielen sein.

In dem Umfeld aufzurufen weniger zu produzieren und sich lieber auf weniges zu konzentrieren, erscheint mir völlig verkehrt. Wenn die Zahl der Spiele, die mich interessieren, sinkt, wirkt es so, als würde der Markt schrumpfen und alle wären einfallslos. Herr Hutter würde darüber klagen, dass der Umsatz zurückgeht und eh wir uns versehen geben Menschen das Hobby auf, weil nichts mehr für sie interessantes dabei ist. Die Menschliche Psyche will immer mehr und immer neuer. Wer neu einsteigt findet nicht nur cooles Neues in unbegrenzter Zahl, sondern kann auch damit leben, dass es alt ist. Das White Album von den Beatles ist immer noch eine Perle. Und die Lizenzgurke ist ein Geldbringer, so wie das Buch zum Film bei Teenagern.

Aber wären wir wo wir sind, wenn wir bei 100 Neuerscheinungen im Jahr geblieben wären? Wie in der Evolution wird die Entwicklung durch die Masse vorangetrieben. Wären die Spiele denn heute so gut, wenn es nicht so viele geben würde, an denen die Verlage und Autoren sich reiben, neue Ideen finden und Verfeinerungen ausmachen könnten? Und ein Blick auf die Masse der unveröffentlichten Spiele oder welche lieber hätten unveröffentlicht bleiben sollen, aber dank Kickstarter leider den Weg in die Produktion gefunden hat, ist da nur ein Teilaspekt. Die Verlage sind schon sehr konservativ. Wer nur 12 Spiele veröffentlicht, obwohl ihm 700 angeboten wurden, hat schon stark gesiebt.

Und was ein Klassiker wird, bestimmt an der Stelle wieder der Markt. Die Zahl der Spieler steigt auch jedes Jahr. Wenn ein Spiel des Jahres nicht nur 300.000 mal verkauft wird, sondern 700.000 mal dann ist das ein deutliches Signal für eine wachsende Käuferschicht. Und mit der wachsenden Käuferschicht kommt auch mehr Verlangen. Es ist wie eine Pyramide. Oben sind die Freaks, die sehr viel spielen und einen Blick auf den Markt haben. Und die Kollegen von der Jury, die alles anspielen müssen. Ganz unten ist das breite Fußvolk, das nur wenig spielt, und dem es egal sein kann, ob es 10, 100, 1000 oder auch eine Millionen neue Spiele gibt. Aber nur durch ständige Veröffentlichungen die oben in den kleinen Trichter geworfen werden, kommen unten die besten Spiele an, aber die halten sich lange. Welche Spiele das sind, hängt sehr stark davon ab wie gut jeder arbeitet. Aber die Chancen steigen, je mehr reingeworfen wird. Sonst hätten wir weiterhin nur Monopoly, Scrabble und ein Leiterspiel. Viele gute Spiele stehen auch in unserer Branche für einen guten Jahrgang.

Der Blick über den Tellerrand: So mancher Bestsellerautor ist gezwungen ein neues Buch jedes Jahr abzuliefern, um im Gespräch zu bleiben. Und eine Band die nach 18 Monaten noch kein neues Album rausgebracht hat, erscheint unwichtig geworden. Nur wenige Bücher und Alben werden Klassiker. Warum sollte ein Verlag auf eine Neuheit verzichten, nur um was voranzutreiben, was es bisher nicht geschafft hat?

Mein Fazit

Statt also über die Menge zu stöhnen, sollten wir alle uns wieder an den Spieltisch setzen und spielen. Ich erfreue mich an dem, was ich spiele. Tut das doch auch alle. Und ich werde bestimmt nicht alles spielen wollen, das kann keiner und das sollte auch (fast) keiner. Hier zu sortieren macht Sinn und wer das nicht kann braucht die Expertise von anderen, wie der Jury, die das in hervorragender Art und Weise seit über 30 Jahren macht. Vielleicht sollten wir mehr Schubladen einbringen. Nicht nur Kinder, Familien, Kenner und Expertenspiele, sondern auch Schubladen, die es für andere einfacher machen. Es gibt mehr als 4 Musikrichtungen, es gibt mehr als 4 Romangruppen.

Aber wer jammert, verpasst die Entwicklung und die ist nicht aufzuhalten. Gestaltet sie lieber mit!

PS: Dieser Artikel ist ein Widerspruch gegen die Ansichten von Michael Weber und Synes Ernst.

Tom und die Brettspielfabrik

Tom Felber hat Recht mit seinem Artikel. So kann man es kurz zusammenfassen und wer ihn nicht gelesen hat, sollte es gleich mal an dieser Stelle nachholen. Hier der Link

Natürlich liegt er auch Falsch. Also er hat halt nicht zu 100% recht. Aber gehen wir auf die Sachen einzeln ein.

Beginnen wir mit dem logischsten. Solch ein Artikel ist auch immer gut für eine Selbstreflexion. Ich habe natürlich so eine Janus-Position, da ich auf der einen Seite für zwei Verlage Arbeiten übernehme und von einigen als Vertreter dieser Verlage wahrgenommen werde und auf der anderen Seite auch eine Privatperson bin, die eine eigene Meinung hat und diese meist ungefragt, aber immer öfter auch gefragt, in den Äther streut.

Das ist auch eine für mich sehr wichtige Sache. Ich betrachte mich nicht als Journalist oder Kritiker. Ich bilde mir ein, dass ich Sachen kritisch betrachten kann und über dies auch in meinen Blog schreiben darf, aber ich weiß, dass ich dies nur zu einem gewissen Grade machen kann um glaubwürdig zu sein. Deswegen würde ich nie meine Meinung zu den Spielen der von mir betreuten Firmen schreiben solange ich für diese arbeite. Diese Trennung ist für mich selbstverständlich. Und nur durch sie kann ich eine Glaubwürdigkeit erreichen.

Natürlich ist der Grad zwischen Meinung und Kritik auf der einen Seite und PR und Werbung auf der anderen Seite sehr dünn. Deswegen ist es mir auch wichtig, lieber über jedes Spiel, das auf meinen Tisch kommt zu schreiben als mich auf die guten zu konzentrieren. Auch ich schaffe es nicht alles zu spielen und auch ich bin selten der schnellste, aber wenn mir ein Spiel nicht gefällt, dann versuche ich das auch niederzuschreiben. Und im Notfall gegen den Strom zu schwimmen – und Die Legenden von Andor nicht zu empfehlen macht mir nichts aus.

Entscheiden ist die Begründung. Und da wird es schwierig die guten und die schlechten Spiele zu unterscheiden. Wie schon bei der Diskussion zum New Board Game Journalism wird schnell klar, dass es sinnvolle und sinnlose Elemente gibt.

Das Material hat inzwischen so einen hohen Standard, dass es sich nur lohnt darauf einzugehen, wenn er noch höher ist, oder einfach schlecht, wie z.B. bei Papiergeld. Die Regeln sind in den letzten Jahren zwar besser geworden, bleiben aber oft immer noch echt schlecht. Erwähnenswert sind also Regeln die echt gut sind, wie die von Russian Railroads oder einzigartig, wie die von Andor. Was bleibt sind die Mechanismen und das Spielgefühl.

Was ich an den beiden Enden mit harten Fakten belegen kann freut mich und was nicht bleibt schwammig. Etwas, was mir nicht gefällt, aber was ja so gerne auch von Jury-Mitgleidern abgetan wird mit dem einfachen Ausspruch: „Es muss halt Spaß machen.“ Und den kann ich oft nur in meiner Gruppe einfangen. Das alleine macht meine Meinungen oft nicht zu der besten Grundlage, aber hoffentlich zu einer sinnvollen Ergänzung für den Leser.

Aber was sind belegbare Fakten? Da gibt es Leute die den letzten Dreck spielen, solange das Thema stimmt und dieses transportiert wird. Egal ob dazu eine 100-seitige Anleitung beiliegt oder erst ein FAQ-Wälzer von der Webseite heruntergeladen werden muss. Auf der anderen Seite stehen Leute, die der Mechanismus begeistert und die die damit verbundene geistige Herausforderung lieber mögen, egal was das Thema ist oder selbst wenn es keines hat.

Die meisten werden damit kommen, dass es natürlich die richtige Mischung ausmacht. Aber was ist die richtige? Natürlich behauptet hier jeder von sich, die richtige Mischung zu kennen, und sofort sehen zu können welches Verhältnis dieses ausmacht. In Wahrheit ist die richtige Mischung so geheim wie die Coke-Formel oder die Schokoladenrezeptur von Herrn Wonka. Die Jury kann an der Stelle auch nur versuchen einen Konsens zu finden.

Diesen Konsens gibt es jedoch schon nicht mehr, wenn es um die Definition geht, was Kulturgut bedeutet. Wer Brettspiele mit Kino, Fernsehen, Büchern, Theater und auch Computerspielen in eine Reihe stellt (was ich leider auch viel zu häufig mache) verkennt zwei wesentliche Merkmale. Da wäre nicht nur der bedingungslose Konsum im Vergleich zum selber erleben eines Brettspiels, sondern vor allem auch das alleinige Konsumieren im Vergleich zur Interaktion eines Brettspiels. Selbst wenn ich mit einem Freund ins Kino gehe. Wenn ich drin sitze, könnte ich auch alleine sein.

Vielleicht ist das der wahre Erfolg von Monopoly. Nicht nur, dass alle es kennen, wenn auch nicht mit den richtigen Regeln, sondern, dass es einfach konsumiert wird. Es muss nicht nachgedacht werden beim Spielen. Es gibt keine Entscheidungen zu treffen. Würfeln, laufen, kaufen oder zahlen, der Nächste bitte. Aber von solchen Beschäftigungen reden wir ja eigentlich hier nicht.

Es gibt Brettspiele, wo die Spieler alleine vor sich hin grübeln und die Menschen am Tisch so gut wie gar nicht miteinander interagieren. Manche sehen das als schlechte Spiele an, aber die Interaktion findet auf dem Brett statt. Es gibt auch Spieler die nicht nachdenken müssen sondern einfach aus dem Bauch spielen oder wo es auf andere Qualitäten wie Reaktion oder Wissen ankommt. Jedes dieser Elemente kann funktionieren mit den richtigen Spielern. Aber so gut wie kein anderes Kulturgut ist so abhängig von den Freunden. Es gibt Leute, mit denen will ich nicht spielen. Tom Felber hatte das in seiner Spielbox-Kolumne auch schon aufgebracht.

Ein Spiel kann noch so gut sein, wenn es am Tisch versagt. Weil ich es auf einem Spieletreff mit den falschen Leuten am Tisch gespielt habe, ist es doof. Reaktion ist gefordert und alle sind lahme Enten? Durchgefallen. Deduktion ist gefordert und alle sind kaputt und wollen nur den Bauch nutzen? Durchgefallen. Es ist einfacher dem Spiel als den Leuten die Schuld zu geben. Ich liebe Love Letter und habe schon mehr als eine Kopie verschlissen. Aber bei meiner Runde zu Hause musste ich Schläge einstecken, wie ich auf die Idee käme es wäre Spiel des Jahres-würdig. Keiner in meiner normalen Runde mochte es. Keiner. Ich habe es immer mit Fremden unterwegs gespielt. Zum Glück bin ich oft unterwegs. Eigentlich zu oft.

Das alles macht „Spielen als Kulturgut“ schwer zu handhaben, das Spiel aber auch zu einem wahren Kulturgut. Es füllt eine Lücke, die alle anderen Güter offen lassen. Unabhängig davon, dass ich viele tolle Menschen durchs Spielen kennengelernt habe und fast alle tollen Erfahrungen auf’s Spielen zurückführen kann, ist es vielleicht zu einzigartig, um von den Unkonvertierten, den Muggeln, den Nichtspielern, den Neulingen oder wie immer wir sie nennen wollen, erkannt zu werden. Die Spiel des Jahres Jury macht hier einiges richtig und die Verkaufszahlen von Qwirkle und Hanabi sprechen eine positive Sprache, dass etwas bewegt wird. Auch, dass die Jury nicht nur einfach einen Preis vergibt sondern das Geld in viele, viele Projekte steckt ist mehr als löblich.

Aber kommen wir zur Qualität. Als Kritiker will man gute Spiele? Es ist nicht die Qualität die das Problem ist, denn die Spielequalität ist in meinen Augen im Gesamten nur nach oben gegangen. Der Anspruch aber auch. Früher kamen 50 Spiele raus und nur 10 waren gut. Heute kommen 500 Spiele raus, aber 100 sind gut. In Zahlen gibt es viel mehr schlechte Spiele, aber auch viel mehr gute. Aber die meisten schlechten kommen auf kaum einen Tisch, außer den der Jury, die alles ansehen muss.

Und Spiele altern. So wie ein Film, der mich 1990 noch begeistert hat, heute eher als schlecht gelten darf, hat auch die Erfahrung an manchem Spiel des Jahres Preisträger eher was zum aussetzen gefunden. Man schaue sich aber an, welche Spiele schon alles gewonnen haben und wie viele davon noch als gut gelten. Die Qualität ist da. Es ist die Welt drumherum die da nicht mithalten kann.

Und während die Jury die Besten rausfinden muss, ist es vermutlich nicht schwer, gute Spiele zu finden, sondern gute Spiele zu finden, die auch für Nichtspieler interessant sind. Spiele die Neulinge mögen können. Spiele die das Kind und die Oma auch verstehen. Einer in meiner Spielegruppe hat als Kind mit einer Oma El Grande sehr oft gespielt und wäre vermutlich nicht der Gerne-Spieler der er heute ist, wenn nicht so ein anspruchsvolles Spiel gewonnen hätte.

Vielleicht ist der Schlüssel, den Spielern da draußen mehr zuzutrauen und sich nicht von Rückschlägen wie z.B. den Verkaufszahlen von Dominion oder Kingdom Builder einschüchtern zu lassen. Die Jury würde es nie zugeben, aber unterbewusst wird da bestimmt bei dem ein oder anderen was anderes ablaufen. Ist Russian Railroads zu hoch für den Kennerpreis? Ist Love Letter ohne Chance weil schon letztes Jahr ein kleines Spiel gewonnen hat? Die Jury kann nicht still vor sich hin leben ohne mit dem Rest der Welt zu agieren, um das Spiel des Jahres zu finden. Dafür sind Spiele zu wenig Konsum und zu viel gesellig.

Was also der Jury fehlt ist ein Feedback-Instrument. Etwas messbares, was ihnen sagt wie gut sie ihre Arbeit machen. Einziges Instrument neben der Menge an negativen E-Mails sind da nur die Verkaufszahlen der Spiele. Solange die Jury da nichts anderes hat, sitzen sie von der Ferne betrachtet im selben Boot oder im gekoppelten Nachbar-Boot aber auf derselben Seite. Beides ist nicht gut. Da ist ein Aufruf nach mehr guten Spielen nur logisch, bevor das Boot kentert. Der Aufruf alleine lässt es wie dasselbe Boot erscheinen.

Ich bin froh zu wissen, dass dieser Eindruck falsch ist, dass die Jury wirklich einfach das beste Spiel finden will. In den vielen Gesprächen, die ich mit den verschiedenen Vertretern hatte, wird das auch immer deutlich. Die Begeisterung des Spielens steht im Vordergrund. Aber bessere Spiele kommen von ganz alleine solange es der Branche gut geht. Und dass es ihr gut geht ist der Eindruck den Messen wie Essen und Neuheitenlisten im vierstelligen Bereich vermitteln.

Etwas womit ich oft kämpfen musste als TCG Betreuer, ist die Tatsache, dass manche Menschen einfach in ihrem Verhalten so schädlich sind, dass die Leute wieder aus dem Laden rennen. Manchmal sind es Spieler, manchmal die Ladenbesitzer und manchmal auch ein ganze Gruppe. Das soziale an Gesellschaftsspielen ist der Flaschenhals. Ich wünsche mir nicht bessere Spiele. Denn diese sind auch zu wenig Selbstzweck, der sie doch eigentlich sein wollen, und der dem Namen anhaftet. Die Verbissenheit, mit der so mancher an die Sache rangeht, nullifiziert viele Bemühungen. Ich wünsche mir bessere Spieler. Spieler die sozial umgehen können und selber lieber spielen und Spaß haben als verbissen zu gewinnen oder andere für’s schlechte Spielen auslachen oder diesen den Spaß nehmen. Aber das kann weder die Jury bewältigen, noch können das die Verlage.

Freizeitaktivitäten im Sommer und Winter

Wenn ich Freizeitpark sage, fällt den meisten sofort die Achterbahn ein. Die gefährlichen Attraktionen sind der Magnet, der die meisten Besucher in die Parks zieht. Wer kein Freund solcher waghalsigen Bauchverdreher ist, der wird in den meisten Parks nicht wirklich glücklich werden. Ein Rekord jagt den nächsten und selbst innerhalb eines Parks gibt es immer größere Zahlen an Höhe, Geschwindigkeit und Verdrehen. Das einzige was einen davon abhält sich den Magen gleich auszukotzen sind die langen Schlangen den Attraktionen, welche zum Teil schon locker an die zwei Stunden dauern. Für gerade mal 3 Minuten Fahrt. Wer solche Attraktionen nicht so spannend findet lernt schon früh diese Parks zu meiden. Und wenn er schon da ist, dann lieber die Bimmelbahn für kleine Kinder zu fahren oder sich einfach nur auf eine Bank setzen und auf die Taschen aufpassen. Tolle Tage sehen anders aus.

Bei Brettspielen ist es oft genauso. Ein 18xx schreckt nicht vor einer Spielzeit von einem vollen Wochenende zurück. Ein Vielspieler hat kein Problem mit einer 60-seitigen Anleitung und auch das Material darf gerne mal locker 3kg oder mehr auf die Waage bringen und dabei ruhig aus rund 1000 Teilen bestehen. Das viele dabei abwinken, die keine festen Spieler sind, ist kein Geheimnis und dennoch bin ich immer wieder erschrocken, das manche es nicht schaffen über ihren Horizont zu sehen. Wie der Vater, der stolz sagt, dass wen sein 8-jähriger Sohn schon Tzolk’in versteht, dann kann das gar nicht zu schwer sein und daher muss es gefälligst nominiert sein. Ich bin auhc ein stolzer Vater und mein Sohn hat schon mit 9 Jahren gut BuBu gespielt, aber ich weiß, dass es die Ausnahme ist.

Manche Freizeitparks setzen sich da bewusst ab und zeigen sich von einer anderen Seite und mit einer anderen Zielgruppe im Fokus. Der Playmobil-Park war eine Erleuchtung wie es auch anders gehen kann, denn es gab kein einziges Fahrgeschäft, sondern nur einen Sandkasten neben dem anderen. Die Kinder waren Superglücklich aufgrund der Vielfalt wie es aussah und wir hatten als Eltern einen erholsamen Urlaub. Auch der Ravensburger Spieleland ist hier Erwähnenswert, weil er nur wenige Fahrgeschäfte hat und selbst diese von den meisten typischen Freizeitparkgängern vermutlich als harmlos und langweilig eingestuft werden dürften. Aber er hat viel mehr Mitmachattraktionen, die die Besucher zum aktiven mitmachen auffordern abseits des Hinsetzen und Fertig.

Es gibt sie also die Freizeitparks die für die nicht-Freizeitparkgänger gemacht sind. So wie es die Spiele gibt, welche gerade die Nicht- und Seltenspieler total begeistert. Die Jury ist da weiter als die meisten Individuen und wählt Spiele wie Hanabi und Qwixx auf ihre Listen als Repräsentanten eines Jahrgangs. Gerade Spieler die nur selten zu einem Spiel greifen sollen, wenn sie dies schon einmal im Jahr machen, zu einem guten Spiel greifen.

Und noch sind es rund drei Tage die wir alle beim Deutschen Spielepreis mit abstimmen dürfen. Es ist die Gelegenheit selber abzustimmen und zu sagen, welches Spiel uns am besten gefällt. Das die nominierten und gerade Siegertitel der letzten Jahre es in die Top 10 geschafft haben zeigt, das nicht nur die Vielspieler diesen Preis für sich beanspruchen können, sondern dass auch die Gelegenheitsspieler gelernt haben mitzustimmen, selbst wenn es nur für die drei Spiele sind, die sie kennen. Aber mir ist es lieber der Preis steht auf stabilen Füßen. Durch die Masse an Stimmen. Wer also noch nicht abgestimmt hat, sollte dies tun. Egal ob er lieber in das Playmobilland oder in den Europapark geht.

Und hier geht es zur Abstimmung bis zum 31.7.: http://www.deutscherspielepreis.de

Die Jury im Dilemma

Ich will gar nicht raten, was die Jury zum Sieger bestimmen möchte. Das hebe ich mir für einen späteren Post auf. Die Jury soll mich ja über die kommende saure-Gurken-Zeit retten…

Aber mit den drei Nominierten Hanabi, Qwixx und Augustus hat die Jury ein altes Dilemma aus dem Keller geholt: Der Preis und die Schachtelgröße.

Nun ist es so, dass dem Handel ein großes Spiel des Jahres vermutlich fast besser gefällt als ein kleines. Ein großes Spiel ist eben präsenter und man kann es mit Tiefpreisen bewerben. Und der Oma ist es sicherlich auch lieber, wenn sie den Enkel ein großes Spiel schenkt, als nur ein Kartenspiel. Bei Geschenken kommt es eben auch ein bisschen auf die Größe an. Mal davon ab, dass „Hey, ich habe 5,50€ für euer Weihnachtsgeschenk ausgegeben“, nicht so beeindruckend wirkt. Und Oma kann sich sowieso keine zwei Geschenke merken. Heißt es jedenfalls aus Forumskreisen.

Nun ist es paradoxerweise nicht so, dass Augustus automatisch gewonnen hätte – eher im Gegenteil. Würde Augustus gewinnen, so würden sich alle bestätigt fühlen, die der festen Überzeugung sind, dass kleine Spiele keine Chance auf den Titel hätten. Und das unabhängig von den Qualitäten Augustus. Jede Nominierung eines kleinen Spieles würde im Vorfeld als reine Makulatur angesehen werden (zumindest bis tatsächlich mal ein Kartenspiel gewinnt). Die Jury würde sich sogar dem Vorwurf ausgesetzt sehen, abgekartetes Spiel zu betreiben, hätte sie doch (so die Logik der Kritiker) zwei Spiele nominiert, die als kleine Spiele eh keine Chance gehabt hätten.Diese Überlegungen sind dabei aber durchaus schadhaft, denn das Spiel Augustus wird nicht mehr betrachtet, es geht nur noch um die Schachtelgröße. Dasselbe gilt für Hanabi – tolles Spiel, aber wie letztens ausgeführt, eben auch sehr spezziell. Obs Familientauglich ist, weiß ich nicht. Das wird auch kaum diskutiert, wenn die Schachtelgröße im Fokus steht. Scheitern würde s, weil es ein Kartenspiel ist. Gewinnen, obwohl es ein Kartenspiel ist.  Das ist zwar albern, aber ich fürchte nicht zu ändern.

Nun hat sich die Jury imho ohne Not in diese Situation gebracht, denn bei allen Sympathien für Qwixx kann ich mir kaum eine Situation ausdenken, bei der die Mehrheit der Jurymitglieder Qwixx als Haupttitel wählt. Augustus oder Hanabi dürften den Titel unter sich ausmachen. Und da hätte man schon einen adäquaten Titel größerer Schachtel finden können- und die Schachtelgrößendiskussion hätte sich erledigt gehabt.

Aber der Jury waren solche Diskussionen eh schon immer egal. 🙂

ciao

peer

 

 

In Kennerlaune

Angesichts der neuen Erkenntnisse über den neuen SdJ-Preis – dem „Kennerspiel des Jahres“ – möchte ich noch einmal kurz über den formlosen Begriff des „Anspruchs“ reden. (Und anmerken: aus etymologischer Sicht würde mich interessieren, wann und ob sich „Kennerspiel“ in der Szene gegenüber „Vielspielerspiel“ durchsetzt)

Im Pressebericht der Jury ist von „anspruchsvollen“ Spielen die Rede. Die Skala mit der die Jury die Spiele von 1-4 bewertet ist allerdings mit „Einstieg“ betitelt und in der Tat handelt es sich um zweierlei Dinge. Anspruchsvolle Spiele haben zwar potentiell eine höhere Anspruchshürde, aber was gerne vergessen wird, das muss nicht so sein. Alles ist, wie immer, viel komplizierter:

Die Komplexität eines Spieles kann die Einstiegshürde erhöhen, sie muss es aber nicht. Das hängt in erster Linie davon ab, ob ich auch aus dem Bauch herausspielen kann oder ob man von den Möglichkeiten „erschlagen“ wird und nur spaßbringend spielen kann, wenn man die Möglichkeiten ansatzweise erfasst. Burgen von Burgund z.B. stellt den Spieler in seinem Zug in der Regel vor so viele Möglichkeiten, dass ein Drauflosspielen spielen ohne großes Nachdenken eher frustrierend wirkt. Zwei Anfänger können dagegen ohne große Probleme Kamisado spielen und sehen was passiert. Auch ist die Frage inwieweit man sich einarbeiten muss, bevor man sieht, was überhaupt sinnvoll ist. Paradebeispiel ist das (von der Jury damals auf die Auswahlliste gesetzte) Casablanca – bis man sich an das um-die-Ecke-denken gewöhnt hat, vergehen einige Partien. Man kann schlichtweg noch nicht einschätzen, wie man spielen muss, und nach meiner Erfahrung weiß man das nach der ersten Partie auch noch nicht. Ein aktuelles Beispiel ist Haggis: Gutes Spiel, aber um einen Ansatzpunkt zu finden, bedarf es doch einiger Spielerfahrung. Gerade Casablanca ist nun aber nicht das, was man unter einem „hochkomplexen“ Spiel versteht.

Bei der Spielregel wird’s noch interessanter: Klar sind komplizierte Spiele schwieriger zu erfassen. Doch ist das keine proportionale Zuordnung. Spiele mit vielen Regeldetails lassen sich leichter erfassen, wenn diese Details intuitiv sind, sich z.B. aus dem Thema heraus ableiten lassen. Ein aktuelles Beispiel: Schwarzer Freitag ist im Kern ein sehr einfaches Spiel, doch durch relativ viele kleine Regeldetails, die sich weder aus dem Spiel heraus noch vom Thema her ableiten lassen, wird es fast unmöglich die erste Partie korrekt hinter sich zu bringen (mehr dazu in der in Bälde erscheinenden Rezi). Umgekehrt nenne ich mal den Primus Siedler: Ein recht komplexes Spiel, aber viele Regeln ergeben spielerisch unmittelbar einen Sinn: Das ich erst eine Straße bauen muss, bevor ich eine Siedlung gründe, dass keine zwei Siedlungen am selben Fleck stehen etc. Auch das Material kann hier helfen, z.B. durch Übersichten, Pfeilbezüge o.ä. (Man stelle sich Drachenherz ohne Spielplan vor!) Wie gut sowas funktioniert zeigt das Spiel Eselsbrücke recht eindrucksvoll: Man ist erstaunt wie viele zufällige Begriffe man sich merken kann, sind sie in einer guten Geschichte irgendwie sinnvoll verpackt.

Worauf wird die Jury achten? Auf alles? Oder doch nur auf das mittlere Gefühl ein Spiel ist recht anspruchsvoll? Im schlimmsten Fall wird die Regellänge und der Anspruch beachtet, ohne auf die oben erwähnten Hilfen zu achten. Welchen Kurs die Jury einschlägt wird bei der Nominierungsliste zum Kennerspiel zu beobachten sein.

Als Grenzstein betrachte ich 7 Wonders. Das Spiel selbst ist strunzeinfach. Aber es müssen zahlreiche Kartenfunktionen gelernt werden (mehr als bei der ersten Dominionpartie) und die vielen Wertungsmöglichkeiten erhöhen die Einstiegshürde ebenso. Es gibt also gute Argumente für beide Einordnungen und wo immer sie das Spiel auch platziert, wird es zumindest für die nahe Zukunft den Anspruch der beiden Preise definieren. Das Spiel ist zu bedeutend, als dass die Kenner eine inkonsistente Nominierungsstrategie in den nächsten Jahren verzeihen würden.

Und diese Nominierungsstrategie ist doch deutlich interessanter als die Pöppelfarbe oder –größe…

Ciao

peer