Sep 20

Erweiterte Möglichkeiten

Peer Sylvester,  2015      

Das ist mal eine Frage an die Leser: Atilla schreibt ja so schön von den Spielen, die ihn interessieren. Soll ich da unterbrechen, um mir irgendwas aus den Fingern zu saugen? Springt jeder ab, wenn ich das nicht tue? Wenn ich das tue? Keine Ahnung…

Alles fokussiert sich im Moment ohnehin auf die Messe. Entweder geht es um Spiele, die herauskommen oder es geht um Spiele, die es nicht schaffen rechtzeitig fertig zu werden, weil die Messe dieses Jahr so früh liegt. Oder um Spiele mit unglaublichen Packmaßen. Oder um die beliebten „Diese Leute mögen wir nicht“-Postings, bei denen dann über Leute mit Kinderwagen, Sackkarren, Rucksäcken oder Trolleys gemeckert wird. Ist ja furchtbar wenn man beim Hetzen zum nächsten Spiel 23 Sekunden zu spät kommt, weil irgendsoein unverschämter Autor die Messe nutzt, um seine Prototypen zu demonstrieren. Und er die nicht in einer Hemdtasche unterbringen konnte – Furchtbar!
(Der einzige unangenehme Zusammenstoß letztes Jahr, war ein großer Rockertyp, der mit versteinerter Miene durch die Hallen schritt und keinen Schritt zuseite machte und so alle anrempelte. Er hatte übrigens weder Rucksack, noch Kinderwagen noch Sackkarre, sondern war einfach unverschämt). Aber (fast) genug zur Messe.

Neulich schrieb Matthias auf Twitter (*): Das wird eine Erweiterung, die nicht nur einfach mehr von allem bietet, sondern das Spiel echt erweitert und verändert.

Interessant, dass man das heutzutage extra hinschreiben muss.

Natürlich gab es schon immer neue Karten/Spielpläne/Gebäude für erfolgreiche Spiele. Man denke nur an die zahlreichen Karten für Diplomacy, Empire Builder oder gar Dampfross. Das ist natürlich völlig legitim. Und auch Familienspieler wollen für ihr Carcassonne in erster Linie neue Plättchen.

Dann kam vor allem Siedler von Catan und damit die Erweiterung auf eine größere (oder kleinere) Spielerzahl. Doch vor allem kam mit den Siedlern auch eine thematische und spielerische Veränderung. Seefahrer und vor allem Städte & Ritter veränderten das Spielgefühl und nicht nur die Anzahl an Möglichkeiten pro Zug. Man bekam fast ein neues Spiel mit demselben Grundprinzip und einigen Parallelen. Sowas ist ein bisschen aus der Mode gekommen (meistens sind entsprechende Spiele „standalone„, auch weil das natürlich leichter umzusetzen ist). So sehr die anderen „More of the same“-Erweiterungen ihre Berechtigung haben (ich selber habe mehrere K2-Berge oder Formula De-Pläne), so schade fände ich es wenn die anderen Erweiterungen vernachlässigt werden würden. Gerade bei thematischeren Spielen macht es sinn, neue Ecken, neue Aspekte anzugliedern.

Zudem plagt ein weiteres Problem die Spiele: Maximal 4 Spieler. In diesem Jahr habe ich genau einen Spieleabend mit dieser Spieleranzahl besucht, sonst waren wir immer mehr. Als Resultat sind fast alle Vierer-Neuheiten der letzten Messe bei mir noch ungespielt! Mehr Spieler sind aber oft schwer ohne größere Veränderungen in ein bestehendes Spiel einzubauen. Also bietet es sich an, einen ganz neuen Aspekt in ein Spiel einzubauen, der dann das Spiel auch auf eine größere Spieleranzahl erweitert.

Das ist aber tatsächlich oft nur für einigermaßen erfolgreiche Spiele anwendbar, denn nur dort kann man darauf vertrauen, dass sich Fans tatsächlich in eine solche Umwandlung einarbeiten, statt einfach ein neues Spiel zu kaufen. Eine solche Erweiterung benötigt ja i.A. oft auch eine größere Menge neuer Regeln. Nicht zu reden von dem deutlich höheren Testaufwand…

ciao

peer

(*) Vielleicht war das gar nicht auf Twitter, sondern anderswo. Vielleicht war das auch gar nicht Matthias sondern jemand anderes. Vielleicht war der Text auch ein anderer. Wer weiß? Ich jedenfalls nicht.








Sep 30

Extra für dich und mich und alle

Matthias Nagy,  2012      

Mit der Spiel in Essen, die in etwas mehr als zwei Wochen auf uns einbricht, gibt es wieder die Diskussionen, die es jedes Jahr aufs Neue gibt. Zu diesen Diskussionen gehört die Masse an Spielen die auf uns einbricht, die Not wirklich die Neuigkeiten zu kaufen oder vielleicht doch lieber die Ramschartikel, die letztes Jahr noch Neuheiten waren und natürlich die Diskussion um die kleinen Goddies, die die Verlage für ihre Spiele anbieten.

Gerade bei den Goodies versteh ich jeden der sagt, dass er darauf verzichten kann, aber eine Diskussion darum geht mir auf den Zeiger. Da gibt es die Vertreter, die der Meinung sind, dass Spiele auch ohne solche Extras vollständig sein sollten, sonst ist es ein schlechtes Spiel.
Ich gehöre zu den Vertretern, die die kleinen Goodies und Extras lieben. Für mich hat sich nie die Frage gestellt ob das nötig ist. In vielen Fällen sind es kleine Erweiterungen, welche das Spiel bereichern oder verändern können. Und in den meisten Fällen ist es auch einen Stärke von dem Spiel wenn es solche Extras verarbeiten kann. Wenn es also mit und ohne funktioniert.

Als positives Beispiel möchte ich mit Carcassonne loslegen. Unabhängig von der Verwässerung durch inzwischen viel zu viele Erweiterungen von sehr schwankender Qualität, ist kein Zweifel das die Idee mit dem Fluss in 2001 eine gute war. Nicht jede Erweiterung muss eine große sein und gerade Carcassonne verträgt das Erweitern um nur ein paar Plättchen, seien es zwölf wie beim Fluss oder sechs wie bei den Kornkreisen. Vor allem die neuen Regeln die sich hiermit einführen lassen zeigen wie flexibel das Spiel ist. Ein dickes Plus.

Ein weiteres positives Beispiel ist Fresko. Das Spiel wird schon mit drei kleinen Erweiterungen ausgeliefert. Für Familien ist das Grundspiel genau richtig und für die Vielspieler können es alle drei Erweiterungen sein. Aber besser sind noch die kleinen Erweiterungen der ersten Erweiterungsschachtel. Mit allen zu spielen bläht das Spiel auf, aber mit nur einer von denen zu spielen schiebt das Spiel in verschiedene Richtungen, je nachdem ob es mehr Glücksmomente sein sollen wie der Brunnen oder die Spieltiefe erhöht werden soll wie mit den Gläsern. Jedes Element ist eine Minierweiterung. Und diese Vielfältigkeit ist eine Stärke. Das hat nichts mit Vollständigkeit zu tun.

Natürlich fällt mir auch ein weiteres gemischtes Beispiel ein. Nicht weil es von der Idee her nicht läuft, sondern weil das Element nicht so toll ist. Asara ist schon während der Entwicklung mit verschiedenen Ecken entwickelt worden und die vier die am Ende im Spiel gelandet sind machen das Spiel sehr rund, aber die einzige Erweiterung mit dem Djinni ist für mich nicht bereichernd. Das liegt aber wieder nur an der Konkreten Ausgestaltung nicht an dem System. Grundsätzlich finde ich die Idee gut und hätte mir gewünscht, das Ravensburger noch mehr Ecken als Bonus nachgeschoben hätte.

Wenn ein Spiel solche Variationen anbietet und auch aushält, dann ist das in meinen Augen eine Stärke. Und gerade wenn nicht alle Erweiterungen auf einmal gespielt werden müssen sondern zwischen diesen gewählt werden können ist das ein Qualitätszeichen. Spiele werden zum Glück nicht von den Verlagen nach diesem Aspekt ausgewählt aber viele Spiele die gut sind haben dieses Element. Selbst Le Havre hat neue Sondergebäude rausgebracht.

Für mich stellt sich die Frage gar nicht ob ein Spiel nur mit den Goodies vollständig ist. Ich spiele viele Spiele der Abwechslung wegen und ich spiele auch gerne gute Spiele mit Abwechslung. Diese Extras gehören dazu. Sie müssen nicht exklusiv sein und sie können auch gerne eine kleine Spende kosten. Sie sollten halt zugänglich sein. Für alle.








Jan 22

Wo noch nie ein Mensch zuvor gesiedelt hat

Peer Sylvester,  2012      

Vorab: Im Falle Haunted Village/Fatal Frame hat sich was bewegt: Harald von Spielmaterial.de, der Haunted Village hierzulande vertreibt hat das Spiel aus dem Shop genommen. Ein guter Schritt, den ich mir (idealistisch wie ich bin) in ähnlicher Form z.B. auch von Hutter (was Sirius betrifft) wünschen würde. Mittlerweile ist es wieder verfügbar, denn die beiden Parteien (der Autor von Fatal Frame und der Guttenberg von Haunted Village) haben sich geeinigt (wenn ich auch nicht weiß wie).

Doch nun zur eigentlichen  Ansprache: Gelegentlich machen Verlage Dinge, die ich nicht nachvollziehen kann und die ich doof finde. Z.B. Nach einem weltweiten Mapwettbewerb eine alte Karte auf die Rückseite des Indienplans abzudrucken. Oder – das schmerzt mich immer noch – den Formula De „Dankeschön“-Jubiläums-Plan mit nur einer Strecke zu bedrucken und zum selben Preis zu verkaufen, wie die Doppelseitigen. Solche Sachen sind ärgerlich, wenn auch nicht weltbewegend. Nicht kritisieren tue ich dagegen wenn ein Verlag versucht Geld zu verdienen. Wäre das Internet ein Maßstab für diese Dinge, wäre ich damit überaschenderweise in der Minderheit.

Das ist nichts Neues. Immer wenn eine Reihe mit mehr oder minder sinnlosen Erweiterungen und/oder Spinoffs ausgebaut wird, hört man die Stimmen, die „Geldmacherei“ rufen.  Hier sind es vor allem die Komplettsammler, die es nicht verknusen können, dass sie entweder Sachen kaufen müssen, die sie nicht wollen oder ein unvollständige Sammlung haben. Alle anderen kaufen nicht, was sie nicht wollen. Beim Gros der Spieler hat sich mittlerweile rumgesprochen, dass diese Verkaufsreihen letztlich den Vielspielern zu gute kommen, da sie eine Finanzierung riskanterer (und interessanterer Produkte) ermöglichen.

Doch jetzt hat diese Problematik eine neue Dimension hinzugewonnen. Der Stein des Anstoßes ist Star Trek Catan, also Die Siedler von Catan mit Enterprise-Thema. Zugegebenermaßen musste ich auch erst einmal verwundert aufhorchen, denn eine homogene oder gar logische Mischung ist das nicht gerade. Aber na gut, ist halt Merchandising und ob die Lizenzgebühren gut angelegt wurden, wird der Markt der Star Trek Fans entscheiden (Die kritisieren höchstens, dass es das falsche Enterprise war: Eine Welt namens Catan (zumindest klang der Name genauso) kam in der Next Generation – Folge „Das zweite Leben“ (engl. The inner light) vor.).

Doch statt das Ganze so hinzunehmen wie Star wars Toaster oder Harry Potter Legospiele wird diskutiert und kritisiert – mehr noch auf Boardgamegeek als auf deutschen Seiten. Warum eigentlich?

Ich sehe vor allem zwei Gründe: Erstens ist die Spieleszene einfach sehr narzistisch und sagt sich: „Was ich blöde/unpassend finde, dass ist auch blöde unpassend“. Und man sieht nicht über den Tellerrand. Das die Spieleszene auch ein Markt ist -siehe oben – wird ja auch gerne übersehen. Und zu einem Markt gehört Merchandising dazu. Auch wenn wir davon bislang ziemlich verschont wurden.

Zweitens wird gerne von „Monopolysation of Catan“ gesprochen – also dem Ausschlachten einer Marke (siehe Punkt 1: Wir Spieler wollen immer neue Spiele, da stören Merchandisingversionen von alten Spielen nur) wie dies bei Monopoly geschieht. Monopoly ist aber sowas wie der Antichrist der Vielspieler; Wer muss sich nicht gegen den Spruch „Ah, wie Monopoly?“ wehren? Und Monopoly drängt immer noch alle anderen Spiele an die Wand. Und wenn Catan als Vorzeige-Euro jetzt einen ähnlichen Weg geht, empfinden dass viele doch ein bisschen als Bedrohung für das Hobby. Dabei wird andersrum ein Schuh draus: Mit den Siedlern von Catan gibt es erst jetzt ein modernes Brettspiel, dass es mit Monopoly irgendwo aufnehmen kann. Um als echtes Merchandising zu taugen, muss ein Produkt universell bekannt und vertreten sein. Anscheinend hat Catan das geschafft. Das ist unterm Strich sehr positiv.

Kaufen werde ich dennoch andere Produkte. Das steht mir frei. Wie jedem anderem auch.

ciao

peer