The Battle at Kemble’s Cascade

Peer Sylvester,  8. März 2016

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Rating: 6.0/10 (1 vote cast)

Verlag: Z-Man Games (Vertrieb: Asmodee)
Autoren: Anders und Olle Tyrland
Spieleranzahl: 2-4
Alter: ab 14 Jahre
Spieldauer: 75-120 Minuten (mit den falschen Mitspielern auch gerne 180 Minuten und länger)

River Raid, Xenon II Megablast, Apidya, Blood Money, 1942, Uridium, Katakis, Gradius.

Keine Ahnung worum es geht? Dann lesen Sie sich doch lieber eine andere Rezension durch. Da gibt es eine Menge hier auf der Seite! Wenn Sir nicht mindestens drei der oben stehenden Begriffe geistig mit einem Computerspiel verknüpfen können, dann ist auch Kemble’s Cascade für Sie nicht weiter interessant. Denn The Battle of Kemble’s Cascade ist eine Hommage an die klassischen Shoot’em Ups, bei der man mit einem Raumschiff (oder profanem Flugzeug) Computergegner abballert. Und die Umsetzung auf’s Brett geschieht mit so viel Liebe, dass man mit jeder Regel, mit jedem Spielplanteil unweigerlich seufzt. Selbst die Schachtel versprüht bereits so viel Charme, dass Retrogamer diese zielsicher aus einem Stapel von 20 Spielen und mehr ziehen und fragen: „Können wir das hier spielen? Das sieht toll aus!“
Und ja, es sieht toll aus! Jeder Spieler bekommt einen kleinen Raumjäger, der Spielplan besteht aus Karten, die Pixelasteroiden oder -raumschiffe oder sonstige Strukturen zeigen, die Punkteleiste ist als Highscoreliste aufgemacht und natürlich dürfen auch Karten mit „Power Ups“ nicht fehlen. Wer in der Ära der Shoot’em Ups aufgewachsen ist, fühlt sich, als wäre er nach jahrelanger Wanderung wieder zu Hause angekommen.

Auch spielerisch orientiert sich Kemble´s Cascade an den Vorbildern: Jede Runde „scrollt“ das Spielgeschehen weiter, das heißt die unterste Reihe der Kartenauslage (auf der gespielt wird) wird entfernt und oben entsteht eine neue. Ganz am Ende kommt der Obermotz, der nicht weggescrollt wird. Ziel sind viele Punkte, die man in erster Linie durch das Abknallen der Gegner erzielt, die aber zurückschießen. Zwischendurch kann man Power Ups einsammeln oder sein Schiff aufrüsten. Zu oft getroffen, wird man zerstört und muss wieder von draußen reinziehen – man hat aber zum Glück unendliche viele Leben, allerdings bekommen alle nicht abgeschossenen Spieler Punkte, wenn jemand draufgeht. Das ist alles super witzig und macht wirklich Laune.

Und doch… Man merkt genau dem Moment, in dem die Autoren es aufgegeben haben zu versuchen die Dynamik eines Echtzeitactionspieles auf ein statisches, rundenbasiertes Spiel zu übertragen. Abgesehen von der Zugreihenfolge (und den Zügen der anderen) ist jede Runde vollkommen deterministisch und dadurch kann theoretisch jeder Zug bis ins kleinste optimal ausgerechnet werden. Und das kann bei ehrgeizigen Spielern dauern, insbesondere wenn auf dem Spielplan viel los ist. Dadurch zieht sich eine Partie durchaus mal – insbesondere zu fünft ist man auch mal über drei Stunden dabei und das ist selbst länger als der längste Blood Money – Level (*) und deutlich über dem, was das Spiel bei aller Liebe zum Thema spielerisch zu bieten hat.
Ein weiteres Problem sind die Regeln: Nicht nur gibt es aufgrund der vielen netten Details eben auch viele Elemente, die man lernen muss (und die z.T. für Regelfragen sorgen), auch die Grundregeln sind nicht optimal erklärt. Selbst Vielspieler hatten eine ganze Partie über Probleme die Ausweichregeln zu verstehen, die sehr abstrakt daherkommen und gerade der Zielgruppe – computerbegeisterte Wenigspieler – schwer fallen dürften.

Mein größtes Problem ist aber das „Friendly Fire“. Man kann sich gegenseitig abschießen und das wird durchaus gefördert vom Spiel – aber das kann frustrieren, macht die Angelegenheit noch einmal unberechenbarer und zieht das Spiel weiter in die Länge. Oft ist das Abschießen eines anderen Spielers einfach die beste Option und da sind wir dann auch wieder beim „Black Fleet- Syndrom“: Ich schade jemanden, weil es mir passt, nicht weil der etwas dafür kann. Gerade in Vollbesetzung nervt das gegenseitige Abschießen nur noch. Zum Glück gibt es die Option das „Friendly Fire“ auf „Off“ zu stellen, wie wir Fachleute sagen.

Ich will hier keinen allzu negativen Eindruck hinterlassen, denn die Idee ist toll und die Umsetzung ist sicherlich nicht schlecht – eben so gut, wie die Autoren es hinbekommen haben. Ich hoffe, dass andere Autoren die Ideen aufgreifen und die Mechanismen optimieren – denn das Spiel macht Laune. Es ist nur zu lang. Und zu fizzelig. Und man optimiert eben vor sich hin, statt mit Reaktionen zu glänzen. Anders gesagt: The Battle at Kemble´s Cascade
ist eine sehr gelungene Hommage. Es ist aber leider nur ein mittelprächtiges Spiel.

 

 
* Hat irgendjemand eigentlich mal einen Blood Money Level ohne Cheat Modus geschafft?

Peer Sylvester

Über den Autor

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

Peer Sylvester – who has written posts on www.spielbar.com.


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