i9n

Peer Sylvester,  3. Februar 2011

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Ihre Wertung:
Rating: 8.8/10 (5 votes cast)

Verlag: Strothmann-Spiele
Autor: Dirk Strothmann
Spieleranzahl: 2-5
Alter: ab 10 (besser: 12) Jahren
Spieldauer: 30-60 Minuten

i9n macht es einem nicht leicht. Das fängt schon beim Titel an: Nicht nur will meine Autokorrektur das i permanent großschreiben, nein, ich weiß nicht einmal wie das Spiel eigentlich heißt. Also es heißt „i9n“, klar, aber wie spricht man das aus? „i-Neun“? „I-Nein“? „Information“? Letztere ist ja immerhin die Bedeutung für den kryptischen Titel. Selbst die mittlerweile erschienene FAQ-Liste gibt keine Auskunft… Wir spielen jetzt jedenfalls immer „das Spiel da, dass mit den Öltürmen“.

Aber beim Titel hören die Probleme nicht auf: Zum einen ist das Spiel sehr ungewöhnlich und erfordert erst einmal ein Umdenken. Und zum anderen hat der Verlag in der neuesten Auflage einfach so alle Probleme beseitigt, über die ich mich hier genüsslich auslassen wollte – Frechheit! Wo kommen wir denn da hin, wenn das alle Verlage machen würden? Dann gäbe es nur noch gute Spiele! Wollen wir das wirklich? Ja? Na gut… Zurück zum eigentlichen Thema unseres heutigen Aufsatzes – dem komischen Spiel mit den Bohrtürmen

Es geht – wie bei den meisten Spielen mit Bohrtürmen – um Öl. Doch ganz stimmt das nicht, denn eigentlich geht es um Siegpunkte. Und es geht definitiv nicht um Geld, was für ein Ölspiel schon einmal ungewöhnlich ist. Geld kommt nicht einmal im Spiel vor, was einen guten Hinweis darauf liefert, dass wir es hier NICHT um mit einem Wirtschaftsspiel zu tun haben, auch wenn das Thema anderes suggeriert. Tatsächlich ist dieses Spiel mit den Bohrtürmen ein waschechtes Deduktionsspiel. Primärziel ist es nämlich herauszufinden, wo es noch Öl gibt. Und dafür gibt es Siegpunkte und zwar je mehr desto später im Spiel das Öl gefunden wurde. Und das ergibt auch Sinn, denn es wird immer schwerer Öl zu finden – nicht nur weil schon Quellen erschlossen worden sind, sondern wegen des Kernmechanismus.

Es ist so: Jeder der 64 möglichen Ölplätze ist einzigartig. Die Ölquelle C7 z.B. liegt auf der Südhalbkugel, im Westen, im Atlantik, im Meer, am Äquator und im „Nebel“, während A1 im Norden, im Westen, am Pazifik, auf Land, am Äquator und in der Sonne liegt. Mit anderen Worten: Es gibt 6 Kategorien, für jede Kategorie gibt es zwei Möglichkeit (Norden/Süden, Osten/Westen, Atlantik/Pazifik Land/Meer, Äquator/Polnähe, Nebel/Sonne) und jede Kombination kommt genau einmal vor. Von jeder Kategorie wird vor Spielbeginn eine zufällig und vor allem allen Spielern unbekannt ausgewählt. Jede Runde wird nun eine der ausgewählten Kategorien in den „Prozessor“ gelegt (eine Art Lochkartencomputer, wie er in den 60er und 70er Jahren manchmal im Informatikunterricht eingesetzt wurde, sofern es damals schon etwas vergleichbares gab). Der „kennt“ somit quasi die Lage aller gültigen Ölquellen. Dadurch wird die Anzahl der verfügbaren Ölquellen in jeder Runde quasi halbiert. Beispiel: Liegt in der ersten Runde die Kategorie „Norden“ im Prozessor, sind nur die 32 nördlichen Ölquellen verfügbar. Kommt in Runde 2 noch „Westen“ hinzu, sind nur noch die 16 Quellen aktiv, die sowohl im Norden als auch im Westen liegen usw. Bis nur noch eine mögliche Quelle übrig bleibt. Das Gemeine ist nun natürlich, dass die Spieler, die Kategorien, die im Computer liegen nicht kennen. Zwar wissen die Spieler vom Start weg zwei Kategorien, die irgendwann auf jeden Fall ins Spiel kommen, aber in welcher Runde das geschieht ist Zufall. Folglich müssen die Spieler durch geschickte Probebohrungen die Lage der Quelle deduktiv erschließen.

Und damit sind wir beim zweiten höchst originellen Mechanismus: Wer an der Reihe ist, würfelt eine Zahl (von 1-3). Diese Punkte kann er für seinen Zug nutzen. Er darf seine Leute über den Plan bewegen, denn nur wo einer steht, darf gebohrt werden. Und er darf Aktien kaufen – das geschieht mit Würfelpunkten und der Preis richtet sich danach, wie viele Aktien bereits verkauft wurden. Das ist recht clever, denn es erlaubt Würfelpunkte zu investieren und in einem späteren Zug wieder auszulösen, wenn man viele Aktionen durchführen möchte. Außer als Spekulationsobjekt werden Aktien auch zum Bohren verwendet und Aktien, welche die letzte Ölquelle markieren zählen zudem einen Siegpunkt (Ölquellen zählen Punkte gemäß der Rundenzahl in der sie gebaut wurden, also z.T. deutlich mehr). Gebohrt werden darf natürlich auch und das kostet neben einer passenden Aktie auch einen Würfelpunkt weniger, als die gewürfelte Zahl. Wer bohrt, überprüft das Loch per Prozessor und darf bei Erfolg eine passende Quelle platzieren und bei Misserfolg das Bohrloch sperren (hier wird nie Öl zu finden sein).

Eigentlich ist so ziemlich alles an dem Spiel außerordentlich clever: Der Prozessor ermöglicht es mit verdeckten Informationen zu hantieren, ohne dass jemand die Informationen kennen muss. Dadurch ist das Spiel ein richtig schönes, neuartiges Deduktionsspiel, bei dem immer mehr Informationen hinzukommen, was für eine bei Deduktionsspielen weitestgehend unbekannte Dynamik sorgt. Der Würfelmechanismus und die Aktien sorgen dafür, dass neben der Deduktion auch sehr clevere Züge möglich sind und vor allem: Es gibt kein eindeutig schlechtes oder eindeutig gutes Würfelergebnis mehr (das war vor der Regeländerung anders, weswegen ich für dieses Update dankbar bin): Würfelt man eine 1, sollte man möglichst bohren (ist dann ja umsonst), würfelt man eine 3, handelt man lieber mit Aktien oder bewegt seine Leute. Und wer partout einen bestimmten Zug durchführen will, verkauft seine Aktien, um die entsprechenden Aktionspunkte zu bekommen. Bei all dieser Cleverness überrascht es nicht, dass mir dieses Ölturmspiel wirklich gut gefällt. Allerdings mag ich Deduktionsspiele und das sollte man wirklich! Am Anfang ist das Spiel noch recht gut in den Griff zu bekommen, aber im Laufe des Spieles steigt der Gehirnschmalzfaktor schon recht stetig und bald muss man richtig denken. Einige Mitspieler stiegen da irgendwann aus. Eine gewisse Rätselfreude muss also vorhanden sein. Zumal das Spiel selbst aufgrund der ungewohnten Regeln erst einmal in den Griff bekommen werden will. Immerhin sind alle erlangten Informationen (also die Bohrungen) ja offen auf dem Brett ersichtlich, so dass man sich eigentlich nichts notieren muss.

Kommen wir zu den eingangs erwähnten Problemen: Außer dem neuen Würfelmechanismus wurde das Inlay mit Styropor verstärkt und auch das ist wichtig – sonst kann es nämlich verschieben und dann zeigt der Prozessor nicht korrekt an – mit (für das Spiel) tödlichen Folgen! Aber diese Probleme wurden bereinigt, auch die z.T, etwas knappe Anleitung wurde um eine FAQ-Liste und eine Kurzspielregel ergänzt. Einzig die etwas hässliche und vor allem z.T. unübersichtliche Graphik (Nebel und Sonnenfelder sind z.T. nicht ganz leicht zu unterscheiden) ist geblieben, aber damit lässt sich’s leben. Auch damit, dass dieses komische Ölturmspiel zu zweit nicht so ganz optimal ist, da der Aktienpool schlicht zu groß bleibt. Aber ich spiel eh selten zu zweit und ich mag Deduktionsspiele und ich liebe originelle Spiele, wenn sie gut gemacht sind und daher zähle ich dieses merkwürdige Spiel mit den Bohrtürmen zu meinen Essenhighlights! Das war nicht von Anfang an so, aber wie gesagt: i9n macht es einem nicht leicht…

Peer Sylvester

Über den Autor

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

Peer Sylvester – who has written posts on www.spielbar.com.


2 Kommentare zu “i9n”

  1. Dirk schreibt:

    H3o P2r,

    Der Name des Spiels mit den Öltürmen wird „i-neun“ ausgesprochen- entsprechend im Englischen „ei-nein“.
    Es handelt sich dabei um ein Numeronym, also ein Wort, bei dem ein Wortteil durch eine Zahl ersetzt wird wie W3. Y2K, s10n … (siehe Wikipedia: http://en.wikipedia.org/wiki/Numeronym ). Das schöne beim Namen „i9n“ ist, dass der letzte Buchstabe „n‘ mit dem letzten Buchstaben der abkürzenden Zahl übereinstimmt- und deshalb nicht mehr ausgesprochen werden muss! Funktioniert sogar im Englischen, nur an Franzosen, Italiener und ein paar andere haben wir nicht gedacht- Sorry. Aber wir lieben es nun mal kurz und knapp und haben neben dem Namen eigentlich alles im Spiel radikal zusammengekürzt (keine Ölplättchen, kein Geld und auch noch Farbe knapp – bei letzterem gibts bei der nächsten Auflage aber sicher einen Nachschlag).
    Übrigens passt ein „Suchrätsel“ innerhalb des Namens eigentlich perfekt zum seltsamen Spiel mit den Öltürmen, von dem dem wir immer noch nicht ganz genau wissen, ob die Menschheit dafür schon bereit ist (1% reicht uns aber sicherlich).
    Zumindest konnten wir Leute, die angesichts des Namens befürchten, dass das Spiel mit den Öltürmen nur mit eingeschaltetem Hirn zu gewinnen ist, bislang noch recht erfolgreich vom Kauf abhalten;-)

    V3e G3e a1s B12n

    D2k S8n

  2. derdrei schreibt:

    Das Problem ist doch, dass man solche kryptische Namen sich schlechter merken kann, als wenn man damit etwas verbindet. Ein prägnanter und verständlicher Name ist ein Teil des Marketings.

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