Hattari

Peer Sylvester,  2. April 2012

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Rating: 4.0/10 (2 votes cast)

Verlag: Moonstergames (Vertrieb: Asmodee)
Autor: Jun Sasaki
Spieleranzahl: 3-4 (eigentlich nur 4 Spieler)
Alter: ab 9 Jahre
Spieldauer: 15 Minuten (inkl. Erklärung)

Früher fand ich Bluffspiele eher doof. Nicht dass ich nicht gerne geblufft hätte, aber irgendwie erinnerten mich die meisten Spiele an Meiern (oder Mäxchen, je nach Region). Ob ich jetzt einen falschen Zahlenwert ansagen oder einen falschen Kartenwert oder Apfelmuswert oder was auch immer, ist doch prinzipiell egal! Die einzige Ausnahme war wohl Geister, denn da musste man nichts ansagen und konnte auch ohne Ansagen taktisch bluffen.

Mittlerweile hat sich das Bluffgenre glücklicherweise weitestgehend gewandelt. Nun ist der Bluff kein Selbstzweck mehr, sondern Teil einer Strategie. Das ist schwieriger in ein Spiel einzubauen, macht aber mehr Spaß. Und man hat nicht das Gefühl, dass man ebenso gut hätte Poker spielen können.

Hattari ist nun ein Bluffspiel dieser neuen Generation. Es funktioniert ganz anders als andere Bluffspiele. Oh ja, das kann man durchaus zweimal sagen: Es funktioniert ganz anders als andere Bluffspiele. Mehr noch, es schleicht sich als verkapptes Deduktionsspiel an!
Eigentlich geht es darum zu raten, welche von drei verdeckten Zahlen die höchste ist. Es sei denn, die fünf ist darunter, dann muss man auf die niedrigste Zahl tippen. Da raten nun eher unspektakulär ist, kennt jeder von den 8 Pappschildern (auf denen die Zahlen aufgedruckt sind) zwei. Und eine weitere darf man sich ansehen, wenn man an der Reihe ist. Der Startspieler kann sich sogar zwei der drei in der Mitte liegenden Zahlen ansehen. Das reicht meistens nicht für ein abschließendes Urteil (je nachdem, welche Zahlen beteiligt waren), aber für einen gewagten Tipp allemal. Die anderen Spieler kennen zwar eine Zahl weniger, wissen aber dafür, welche Tipps die Vorgänger abgegeben haben.

Wo ist jetzt das Bluffspiel? Das ist in der Wertung versteckt! Die ist ebenso verquer wie genial: Wer richtig rät, bekommt seinen Punktchip zurück. Er hat nichts verloren, aber auch nichts gewonnen. Wer falsch rät, bekommt seinen Bluffchip umgedreht zurück. Das ist schlecht, denn umgedrehte Chips wird man nicht mehr los. Um Chips loszuwerden – und darum geht es insgeheim! – muss man falsch raten, aber so überzeugend, dass andere, nachfolgende Spieler dasselbe raten. Denn die umgedrehten Chips bekommt nur derjenige, der als letzter einen bestimmten (falschen) Tipp abgegeben hat. Dadurch kommt eine schöne Spannung ins Spiel: Bin ich nicht sicher muss ich überlegen, ob ich meinen Chip auf eine freie Stelle lege, die vermutlich falsch ist oder auf einen anderen Chip, der vermutlich an einer richtigen Stelle liegt – wenn aber nicht, bekomme ich den anderen auch! Und lege ich auf eine freie Stelle, hoffe ich, dass jemand anderes meinem Tipp folgt, oder zumindest, dass ich nicht falsch liege. Das ist genial, das ist noch nie dagewesen, sorgt fast augenblicklich für Spannung und macht großen Spaß, zumindest zu viert.

Zu blöd, dass es nicht richtig funktioniert.
Oder sagen wir mal so: Das Spiel funktioniert prima. Nur bei der Spielendbedingung hakt es. Hier gibt es zwei alternative Lösungen und beide sind irgendwo unbefriedigend: Das Grundspiel endet, wenn jemand mehr als 8 Chips angesammelt hat oder nur noch umgedrehte Chips hat und so nicht mehr tippen dürfte. Da gewinnt, wer am wenigsten Chips hat, kann ein Führender Spieler gezwungen sein, falsch zu tippen, um das Spiel zu beenden (wenn er dann nur noch umgedrehte Chips hat). Dagegen können die anderen nicht einmal was tun, denn wenn sie auf den Chip setzen, wird der führende Spieler erst recht gewinnen.
Die „Profiregel“, dass ein Spieler, der nur noch umgedrehte Chips hat, nicht gewinnen kann, löst dieses Problem, schafft aber gleichzeitig ein neues: Wer zwei Chips umgedreht hat, darf den Rest nicht vollständig loswerden, sonst gewinnt er –trotz besten Bluffens – nicht! Auch das ist unbefriedigend, denn auch das läuft der eigentlichen Spielidee zuwider. Sicherlich, das Spiel macht auch so Spaß, aber letztlich ist es ein Spiel ohne vernüftigen Abschluss – das verhindert einen Platz im Bluffspielolymp.

Peer Sylvester

Über den Autor

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

Peer Sylvester – Autor von Beiträgen auf www.spielbar.com.


3 Kommentare zu “Hattari”

  1. Das Marmeladenparadoxon und andere Kurzgeschichten schreibt:

    [...] Die Rezi für Hattari ist da! [...]

  2. Michael Schlepphorst schreibt:

    Hallo!
    Woher kommt die Regel das die anderen Spieler sich nur 1 Plättchen aus der Mitte anschauen dürfen? Laut meiner Regel darf jeder Spieler (nicht nur der Startspieler) sich zwei Plättchen aus der Mitte angucken. Der Startspieler hat doch nur den Sondernutzen eines der gesehenen Plättchen mit dem Opfer auszutauschen (und natürlich noch die freie Auswahl)?

    Oder habe ich da irgend etwas grundlegend mißverstanden? Ansonsten suche ich nach einer Partie noch die Bluff- bzw. Taktikkomponente bei dem Spiel …

    Grüße

  3. Peer Sylvester schreibt:

    Du hast natürlich recht, man darf sich zwei ansehen. Wir haben das auch so gespielt (macht ja sonst auch gar keinen Sinn), keine Ahnung, wieso ich das beim Schreiben falsch aufgeschrieben habe…

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