Mai 20

Die Spiel des Jahres – Jury hat ein Problem: Sie wollen das Kulturgut Spiel fördern und Spiele prämieren, welche „die Botschaft des Vereins in die Öffentlichkeit tragen. Das heißt, sie sollen möglichst viele Menschen vom Wert des Kultur- und Freizeitmediums Spiel überzeugen“.

Man kann natürlich darüber streiten, was das bedeutet. Ich denke aber, es bedeutet auch, dass neue Entwicklungen im Spielebereich honoriert werden müssten. Es dürfte schwierig sein,  für die Jurymitglieder zu rechtfertigen (und sei es nur vor sich selbst), originelle, neuartige Spiele, die zudem ein großes Publikum ansprechen, nicht zu nominieren. Ich hatte letztes Jahr schon meiner Enttäuschung ausdruck verliehen, dass es die Jury versäumt hat, die storybasierten Spiele auszuzeichnen. Immerhin waren diese nominiert.

2016 erschien dann ein ganz neues Genre: Escape-Spiele. Es ist schwer vorstellbar, dass die Jury diese Spiele ignoriert. Ich würde das auch für ein ziemliches Versagen halten (siehe Einleitung). Nur: Welche sollten nominiert werden? Und für was – Hauptpreis oder Kennerspiel? Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Jury gleich zwei (oder gar drei) der Escapespiele nominiert. Also: Welches darf es denn sein? Unlock,  Escape room – Das Spiel oder ein Exitspiel? Vieles spricht für die Brandts – Aber welches? Oder gar die ganze Reihe? Oder die ersten drei? Egal was davon zutrifft, es wäre eine Premiere. Davon ganz zu schweigen, dass es Spiele sind, die darauf ausgelegt sind, nur einmal gespielt zu werden. Sollte dass das eventuell ein Killerkriterium sein? Originalität und Nichtspielerbegeisterung zum Trotz? Ich hoffe nicht, denn das würde bedeuten, dass die Jury sich prinzipiell neuen Richtungen, neuen Regelbrüchen verschließt. Und das wiederum wäre ein Signal an den Handel, dass sich Originalität nicht lohnt: Gefallt der Jury, alles andere ist Tinnef! Nicht gut!

Besser wäre ein Sonderpreis, aber den soll es im Kennerspielzeitalter ja nicht mehr geben – Was für mich ein weiteres Argument für meine Meinung wäre, dass der Kennerspielpreis eine Sackgasse darstellt. Statt eine mehr oder minder willkürliche Aufsplittung in zwei Preise („Kennerspielpreis“ und „Spiel des Jahres“) lieber flexibel passende Sonderpreise vergeben! Das diesjährige Dilemma wäre vermieden worden. Aber „hätte, hätte“ zählt nicht – so wie es ist, sehe ich die Jury am Scheideweg. Mal sehen welchen Weg sie geht…

Die Jury hätte es leichter, die Escapegames zu ignorieren, wenn dieser Jahrgang mit starken Kandidaten gespickt gewesen wäre. Doch das ist nicht der Fall. Kein „Killerkandidat“ in Sicht, geschweige denn deren sechs:

Der größte Aspirant auf eine Nominierung ist wohl Kingdomino: Ein einfaches, aber pfiffiges Spiel, das immer gut ankommt. Ich mag das Spiel wirklich gerne – aber als Titelkandidat ist es vielleicht ein bisschen dünn? Fördert Kingdomino das Kulturgut? Nur in dem sinne, dass es viel gespielt werden dürfte. Aber ein Carcassonne oder Siedler ist es nicht – dazu sind die taktischen Möglichkeiten dann doch zu gering.

NMBR 9 kommt auch immer gut an, wird immer gut bewertet… außer bei Jurymitgliedern. Ob Spielbox oder Internet: Die Jury bewertet es niedrig. Das dürfte es für NMBR 9 gewesen sein.

Great Western Trail dürfte wie Mombasa letztes Jahr ein Fall für die Empfehlungsliste sein. Für eine Nominierung wohl zu komplex.

Das waren bereits die Favoriten. OK. Was haben wir noch? Captain Sonar ist ein tolles Spiel – vielleicht wird es zum Kennerspiel nominiert. Vielleicht katapultiert die Mitspielerzahl das Spiel aber auf die Empfehlungsliste Immerhin liegt hier ein sehr originelles Spiel vor, das neue Wege geht. Inis wäre eventuell noch ein Kandidat für das Kennerspiel, aber ich kenne es nicht aus eigener Anschauung und ich denke mir, es könnte ebenfalls zu kompex und zu konfliktbeladen für eine Nominierung sein. Das könnte auch für First Class (eher drin) und Terraforming Mars (eher draußen) gelten. Magic Maze scheitert eventuell an der Deadline, wenn es zeitlich noch reingerutscht ist, dann hat es Chancen. Aber auch eher Kennerspielpreis, einfach wegen der Schwierigkeitsstufen und weil sich Anfänger (so meine Erfahrung) schwer damit tun, die Klappe zu halten. Das war bereits bei Hanabi ein Problem, hier könnte das sogar verstärkt vorliegen. Udo Bartsch hat Tempel des Schreckens sehr positiv besprochen – ein Fingerzeig? Ich weiß nicht. Nach meiner Erfahrung ist das Spiel extrem Rundenabhängig – ich hatte schon Runden, da lief es bombig, in anderen ist es total gefloppt. Bitte, bitte Empfehlungsliste! Da würde ich auch Deja Vú verorten. Das hat eine gute Idee, das macht Spaß… aber keiner wollte in meinen Testrunden eine zweite Partie. Selbst meine Kinder nicht – das Spiel ist denen zu anstrengend. Wettlauf nach El Dorado ist vielleicht noch ein guter Kandidat, aber die Regel könnte dem Spiel ein Bein stellen – es gibt erstaunlich viele Regelfragen für ein so einfaches Spiel und wenn ich auch denke, dass vieles gut erklärt ist, gibt es doch ein paar merkwürdige Zweideutigkeiten. Ansonsten aber ein „safe choice“, eine Wahl, die sicherlich von der Mehrheit akzeptiert würde, die (bei aller Qualität) das Kulturgut Spiel aber auch nicht gerade in neue Höhen hebt.

Natürlich könnte ich noch mehr Spiele nennen aber der Punkt ist: Ich habe keine, aber wirklich gar keine Ahnung, was die Jury am 22.05. aus dem Hut zaubern wird. Ich hoffe, dass Exitspiele dabei sind. Alles andere wäre in meinen Augen ein falsches Signal. Ich wage dieses Mal nicht einmal eine echte Prognose – zu viel hängt davon ab ob und wo die Escapegames zu finden sein werden.

ciao

peer

 

Peer Sylvester

Über den Autor

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

Peer Sylvester – who has written posts on www.spielbar.com.






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