Mrz 04

Wie würde man ein Spiel bezeichnen, dass seit über 30 Jahren am Markt (wenn auch bei verschiedenen Verlagen), immer noch in Essen zu haben ist und eine schier unübersichtliche Zahl an Spin-Offs und Erweiterungen bietet? Ich denke, dass man so ein Spiel getrost als modernen Klassiker bezeichnen kann. Dumm nur, dass das Spiel hierzulande kaum einer kennt. Ich spreche hier von Lost Worlds.

1980 kam bei Nova – ein amerikanischer Verlag , der u.a. Axis & Allies im Programm, hatte- das Spiel Ace of Aces heraus. Die Idee: Zwei Spieler liefern sich einen Luftkampf gegeneinander. Dabei bekommt jeder sein eigenes Heft. Das zeigt auf jeder Seite die Sicht aus dem Cockpit des Spielers. Dann entscheiden beide Spieler gleichzeitig welches Manöver sie fliegen und mit Hilfe eines eaborierten Zahlensystems landen beide auf einer neuen Seite – je nachdem wie sich die beiden Flugzeuge gegeneinander bewegen. Das funktioniert also so ein bisschen wie ein Choose-Your-Own-Adventure-Book, nur das zwei Zahlen in Beziehung gesetzt werden. Wenn man den Gegner im Fadenkreuz hat, kann man ballern. Ziel ist das Abschießen des Gegners. Das Spiel war erfolgreich genug, um eine „Drachenreiter von Pern“-Lizenz zu bekommen (diese Version suche ich seit Jahren – wer die hat…) und den Spin Off Bounty Hunter, bei dem man im Wilden Westen Duelle ausficht, zu inspirieren.

1983 traten dann die ersten Lost Worlds-Hefte in Erscheinung. Lost Worlds ist im Prinzip ein 1-gegen-1-Kampfsystem. Beide Spieler haben ein eigenes Charakterheft und einen passenden Charakterbogen.
Ein Halfling und sein Charakterbogen

Und jetzt kommt das geniale: Das Heft geben sie den Gegner – das zeigt, was der sieht und beeinflusst dessen Möglichkeiten. Der Charakterbogen zeigt alle möglichen Aktionen, die der entsprechende Charakter durchführen kann – etwa Ausweichen, Blocken oder Zustechen oder Schlagen. Der Ninja hat mich getreten!

Auch hier entscheiden beide Spieler gleichzeitig was sie tun und ihr Erfolg hängt davon ab, was der Gegner macht – und von den Möglichkeiten der Charaktere. Hier erweitert das Lost World System das Ace-of-Aces-System auf geradezu geniale Weise: Es ist schneller und einfacher mit deutlich weniger Seiten (60 statt über 200  bei Bounty Hunter). Das funktioniert einmal, weil der Gegner eben das eigene Heft bekommt, dessen Zahlen auf die Charaktereigenschaften des eigenen Gegners zugeschnitten sind (ein Spieler mit Rüstung etwa nimmt prinzipiell weniger Schaden, weil die Schadensseiten selbst bei Körpertreffern nur geringe Trefferzahlen zeigen, während ein Charakter ohne Rüstung hier hohe Mali haben). Es funktioniert auch, weil die Aktionen farbcodiert sind und immer wieder bestimmte Farben gesperrt sind – Wer gerade getroffen wurde, kann z.B. in der Regel nicht angreifen. Hinzu kommen immer eine Handvoll Spezialaktionen, bei denen ich ehrlich gesagt keine Ahnung habe, wie der Autor es geschafft hat, die in das System so einzupassen, dass die mit jedem Gegner funktionieren. Das Resultat ist ein System, dass sehr asymmetrische Kämpfe ermöglicht: Es gibt einen starken, aber langsamen Troll, einen kleinen Hobbit, der Messer wirft, ein Skelett, das verlorene Knochen aufsammeln kann, einen Ritter mit Rüstung, ja sogar einen Ritter zu Pferd – und alle spielen sich unterschiedlich und kein Charakter ist wirklich benachteiligt.
Eine kleine Auswahl an Charakteren

Also haben wir hier ein Kampfsystem ohne Zufallsfaktor (das einzige was Erfolg und Misserfolg bestimmt sind die Aktionen des Gegners), dass eine wirklich gute Simulation eines Kampfes abliefert, sich flott spielt, bei dem man besser und schlechter vorgehen kann (Wer die Charaktere und deren Stärken und Schwächen kennt, ist klar im Vorteil) und das zudem eine kurze Spieldauer bietet – kein Wunder, dass sich eine Fangemeinschaft gebildet hat! Nova probierte sogar ein Rollenspielsystem aus, bei dem das Lost Worlds – System als Kampfsystem dienen sollte. Daher auch der Drache, der als einziger Charakter derart überpowert ist, dass ein einzelner keine Chance gegen ihn hat. Und hier lag das Problem des Systems: Man war ja auf die Monster der Lost-Worlds-Hefte beschränkt, was für ein Rollenspiel nicht gut ist. Zudem ist der Mehrpersonenmodus nicht wirklich ausgereift. Wir waren niemals glücklich damit und hatten immer das Gefühl es mit einer Krücke zu tun zu haben…

Nova brachte neben den Fantasy-Charakteren auch eine Version mit Battlemechs heraus, die aber immer ein bisschen im Schatten der Lost Worlds – Hefte lag. Warum weiß ich nicht – als ich die ersten Hefte in Hamburger Fantasyläden entdeckte, war Nova bereits pleite und man fand nur einzelne Exemplare hier und da (und ein einzelner Mech nützt einem ja nichts, zumal die nicht kompatibvel mit den Lost Worlds-Heften sind). Auch Star Wars- Lichtschwerterduell gab es wohl, aber gesehen habe ich die nie.

Andere Firmen übernahmen das System – erst Chessex, dann Greysea/Flying Buffalo – druckten einige Hefte nach und vor allem brachten sie eigene Charaktere heraus. Nachdem ich die Hefte in diversen Hamburger Spieleläden aufgekauft habe, war die Flying Buaffalo- Webseite tatsächlich auch meine Hauptquelle für neue Hefte (naja, – mehr als einmal im Jahr war ein Versand aus den USA nicht drin) und auch eine Möglichkeit zu sehen, was es eigentlich gab. Auch heute noch kann man sich dort informieren und Hefte kaufen – und die Webseite ist auch noch im Originallayout von 1995 gehalten. Dort sieht man auch, dass es viele, viele Charaktere gibt und gab (inklusive einer Reihe von 6 Dinosauriern und Kampfhefte aller Knights of the Dinner Table – Charaktere). Die späteren Hefte erweiterten auch das Magiesystem mit Hilfe von Boosterkarten, die man einzeln erwerben musste. Manche Charaktere hatten zudem „Luck“, das ähnlich über Karten funktioniert, aber weniger auf den Kampf selbst bezogen ist, sondern mehr an Ereigniskarten aus anderen Spielen errinnert. Sehr gelungen fand ich das System nie, zumal die Boosetr im Vergleich zu den eigentlichen Charakteren überteuert sind.

Tatsächlich findet man immer noch denFlying Buffalo-Stand auf der Messe (meistens zusammen mit einem anderen Verlag) und dort findet man auch immer noch Lost Worlds – Hefte. Unter anderen auch die, bei denen Fotos statt Bildern verwendet wurden (man kann auch selbst Fotos machen und Flying Buffalo transferiert sie dann in ein PDF-Kampfbuch zum ausdrucken, für knapp 50$
Nichts gegen die Dame, aber das sieht schlicht albern aus

Auf meinem ersten Essen gab es auch ein Lost-World-Turnier, bei dem man sich gegenseitig herausfordern konnte. Ich hatte keine Charaktere dabei, hab das im kommenden Jahr nachgeholt, aber da gab es kein Turnier. Vermutlich weil keiner mitgemacht hatte.Ich weiß nicht wie viele Leute In Deutschland außer mir das Spiel überhaupt kannten. Viele können es nicht gewesen sein.

Das System lebt aber weiter: Der Autor Alfred Leonardo hat eine Reihe an Kampfbüchern (basierend auf dem Lost World System) für Marvel-Helden gherausgebracht: Marvel BattleBooks . Den Kommentaren nach zu urteilen ist das System noch etwas simpler und die Manöver sind nicht so klar definiert, wie bei Lost Worlds. Auch eine Football-Variante wird erwähnt, aber der Autor ist ein anderer und ich bin nicht sicher, ob Lost Worlds hier lediglich als Inspiration diente. Und auf japanisch gibt es eine Kampfreihe, die auf den Queen Gate – Comics basiert.

Ich habe irgendwann Ende der 90er aufgehört zu sammeln – es wurden einfach zu viele Charaktere und das Spiel lebt ja zumindest ein bisschen davon, dass man mit wachsender Erfahrung weiß, was man tut. Hinzu kam das neue Luck/Magiesystem, für das man viele Booster brauchte (teuer und schwer zu bekommen) und die graphische Gestaltung war bei den späteren Büchern auch oft nicht mehr das was sie mal war…
Eines der schönster Kampfhefte. Wie meine Tochter sagtDer vielleicht häßlichste Lost Worlds Charakter

Jetzt habe ich sie nach 15 (?) Jahren wieder hervorgeholt. Sie machen immer noch Spaß! Die Regeln sind schnell erklärt und ein Kampf ist ebenso schnell heruntergespielt. Sicher, das Spiel ist nicht abendfüllend – es ist ein Absacker, ein Zwischendurchspiel. Auch basiert halt viel auf dem was der Gegner macht und wer den oft falsch einschätzt, bekommt kein Bein auf den Boden, zumal jemand, der ins Hintertreffen gerät sich erst einmal erholen muss, bevor er wieder zum Zuge kommt – wenn ihm das nicht gelingt, ist der Kampf einseitig und schnell vorbei. Das gibt sich aber, wenn man die Aktionen und die Charaktere besser einschätzen kann und wenn man eher weiß, welche Aktionen sich lohnen und welche nicht und mit welchen Taktiken man welche Charaktere besser begegnern sollte. Und dieses Austüfteln macht durchaus auch heute noch Spaß – zumal sich das System immer noch frisch spielt. Es gibt nichts vergleichbares auf dem Markt. Ich würde jetzt nicht unbedingt wieder anfangen zu sammeln (obwohl ich dieses Jahr wieder eher gewillt bin, am Stand in Essen vorbeizuschauen und ein paar Booster mitzunehmen), aber ich kann durchaus empfehlen, mal zwei Hefte mitzunehmen, wenn man noch keines hat. Anfängern empfehle ich tatsächlich am ehesten die Originalreihe (mit dem Nova-Aufdruck), mit der Ausnahme der magischen Charakteren. Das Magiesystem war kein Highlight. Aber ansonsten bieten die ersten Charaktere tatsächlich das beste Spektrum an wirklich total verschiedenen Kämpfern (aber nicht den weißen Drache, denn der ist ja nicht für das 1 gegen 1 gedacht gewesen) und bieten so einen schönen Einstieg. Und ganz ehrlich: Selbst Fans des Systems brauchen nicht alle Hefte. Ich habe ganze 38, aber wirklich benutzt habe ich immer dieselben 10.

ciao

peer

Peer Sylvester

Über den Autor

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

Peer Sylvester – who has written posts on www.spielbar.com.






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