Alles Neu macht der Februar

Im Preussen vor dem ersten Weltkrieg, was ja über 100 Jahre her ist, war es Pflicht in der zweiten Klasse das Lied Alles Neu macht der Mai zu singen. Welch sinnloses Wissen dachte ich mir in dem Moment als ich das las, und natürlich war mir bewusst, dass mein Kopf voll von sinnlosem Wissen ist. Eine Gewisse Freude darüber, Sachen zu wissen, die im normalen Alltag keinen Wert haben, ist teil einer Schrulligkeit. Und es war eine Weile lang cool. So wie Fliegen.

Aber in unserem Hobby macht der Februar vieles neu. Die Nürnberger Spielwarenmesse schwemmt noch einmal einen großen Teil neuer Spiele auf den Markt. Und auch wenn viele davon erst im März, April, Juli, oder gar September oder Oktober erscheinen so werden doch sehr viele jetzt angekündigt. Ein Teil davon hängt mit dem Weihnachtsgeschäft zusammen. Das ganze Jahr wird darauf hingearbeitet. In Meetings werden Marketingaktionen durchgeplant und Spots und Anzeigen geplant. Und wenn Weihnachten durch ist, zusammen mit der Umtauschzeit im Januar, dann kommt wieder Februar, die nächste Spielwarenmesse und damit alles neues.

Ein spannender Kreislauf, der viele Jahre schon gilt und gerade bei Spielwaren, abgetrennt von der Brettspielen, auch fast schon unumstößlich erscheint.

Und dieses Jahr wirkt da nicht viel anderes, bis auf den Umstand, dass ich schon lange nicht mehr so viele Neuauflagen gesehen habe. Ich hatte schon mit Arne in unserer Bretterwisser-Nürnberg-Folge darüber philosophiert, dass es echt viele Neuauflagen gibt. Spiele die es schonmal gab und die nun nochmal auf den Markt kommen. Spiele die nicht wirklich neu sind, aber für einen großen Teil unserer spieler vermutlich schon. Alle paar Jahre kommt Basari als Zombie der nicht tot zu bekommen ist wieder raus. Dieses Jahr sind es einige Dutzend Spiele, wie Leinen-Los, Metro, Citadels, Notre Dame, und viele andere. Und ein echter Trend zeichnet sich ja dadurch aus, dass er unbemerkt und ungewollt kommt. Jeder glaubt den nächsten heißen Shit gefunden zu haben und in der Masse wird es das auf einmal. Great Minds think alike. Oder auf Klug-Deutsch: Zwei Doofe – Ein Gedanke.

Ich bin mir sicher, dass es so viele Neuauflagen gibt, hängt nicht damit zusammen dass die Autoren und Verlage keine Ideen mehr haben, oder die neuen nur so schlecht sind. Ganz viele arbeiten bestimmt mit Hochdruck an neuen Spielen und es sind ja auch etliche vorgestellt worden. Ich vermute es hängt eher ein bisschen mit dem bewussten bewahren zusammen. Gute Spiele leben deutlich länger und solche Klassiker, die auch heute noch gut sind, gibt es nicht alle Tage. Manche werden leicht verbessert, manche nur mit neuen Illustrationen und besserem Material ausgestattet. Es ist wie eine Retrowelle. Auf der Spitze dieser Welle ist Mister Legacy himself Rob Daviau, welcher einen Verlag mitbegründet hat um Spiele aus der richtig alten Zeit, also vor 30, 40, 50 Jahren auszugraben und verbessert wieder auf den Markt zu werfen. Und Spieler alten Schlages freuen sich auch auf diese.

Die Diskussion könnte jetzt dahin gehen zu fragen wie sinnvoll es ist zurückzublicken statt nach vorne. Alles wird besser, da ist das alte Zeug doch uninteressant. Oder?

Ein Blick in unsere heutige Politik zeigt aber auch, wie wichtig Geschichte ist. Wer da nicht aufpasst ist verdammt diese zu wiederholen und was wir derzeit sehen erinnert vielleicht nicht an das alte Preussen, aber dennoch an eine Zeit die wir hinter uns gelassen haben sollten. Ohne jetzt zu politisch zu werden, sollte klar sein, warum es wichtig ist, aus der Geschichte zu lernen und das um zu verstehen, warum manche Sachen derzeit gut oder nicht gut sind und es nicht schaden kann zu wissen was damals gut war, und was daran gut war und was es nicht war und auch heute nicht ist.

Und das ist etwas was ich bei vielen Kollegen vermisse: Einen weiteren Blick, als nur die letzten 5 Jahre unserer Brettspielgeschichte. Auch wenn echt viel passiert ist in den letzten 5 Jahren, inklusive einer Steigerung an Verlagen, Neuauflagen und neuen Spielern, so gibt es eine Zeit vor 2010, eine Zeit vor Catan und auch eine Zeit vor der Spiel des Jahres Jury. Das kann nicht immer über Nacht aufgeholt werden, aber ich freue mich über jeden der die Augen offen hält und einen Blick für die vielen alten Spiele hat und verstehe, warum viele davon verschwunden sind, und warum die anderen Klassiker geworden sind.

Und nächstes Jahr im Februar gibt es wieder einen neuen Haufen Spiele, der versucht in der einen Gruppe zu landen und nicht in der großen Anderen.

Matthias Nagy

Autor: Matthias Nagy

Spieler für alles rund um Gesellschaftsspiele, Kartenspiele, Rollenspiele - und Vater. Lebt in Berlin-Friedenau.

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