Evolution einer Sammlung

Während die Spielewelt noch versucht alle Essenneuheiten zu verarbeiten findet bereits die Spielemesse in Nürnberg statt und die Spielewelt schreibt schon wieder Listen, was als nächstes gekauft werden muss (*): Ja, jetzt wo ich gerade die Exit-Reihe durch habe, freue ich mich auf die nächsten drei! Oh, neue Escape-Room-Szenarien, gut das vierte Szenario hab ich noch gar nicht gespielt, aber wo kann ich preordern? Pandemic Legacy 2. Staffel? Her damit! Unlocked? Kann man das schon kaufen? Nmbr9 sieht gut aus, vielleicht verdrängt das ja Kingdomino. Das ich noch gar nicht habe. Braucht man wohl alle drei Century-Teile oder reicht eines? Endlich gibt es neue TIME-Stories-Szenarien. Nicht, dass ich die anderen schon gespielt hätte… Und wann kommt eigentlich Mountains of Madness, über das ich rein gar nichts weiß und das daher toll sein muss?

Neulich war ich bei meinen Eltern zu Besuch und da meinte einer meiner Freunde ernsthaft: „Echt? Du hast Spiele, die du noch gar nicht gespielt hast?“ Äh. Ja. Nicht, dass das so geplant gewesen wäre. Die sammeln sich halt so an. Gerade wenn man Spiele haben möchte, die etwas besonderes sind, hat man halt das Problem, dass man nicht immer was Besonderes spielen will. Oder die besondere Gruppe dazu gar nicht hat oder so. Jedenfalls ist das meine Ausrede.

Meine Familie hat schon immer gespielt, ich bin mit den Spiel-des-Jahres-Preisträgern aufgewachsen. Dadurch hatten wir schon immer etwas überdurchschnittlich viele Spiele im Schrank. Dadurch kamen dann auch Freunde eher zu mir, wenn wir spielen wollten. In Studienzeiten hat sich das dann verselbstständigt und ich begann Flohmärkte abzugrasen. Erst habe ich alles gekauft, was ich kriegen konnte, aber bald schon habe ich gemerkt, dass ich mit Schrottspielen Freundee eher abschrecke, als zum Spielen zu verleiten (Das ist ziemlich trivial. Das Problem war Mr. Moneymaker – ein unglaublich hässliches Spiel das wir nach Regellektüre fast abgelehnt hätten, dass uns dann aber positiv überraschte und mit 2 kleinen Regelanpassungen sogar noch ab und an -selten – auf den Tisch kommt. Daher hoffte ich länger auf den „Moneymaker-Effekt“ als gut gewesen wäre) .

Und dann begann ich etwas zielgerichteter zu kaufen:

Die erste Phase waren Spiele die „man“ haben musste: „Klassiker“, Spiele auf den Auswahllisten zum Spiel des Jahres, Spiele, über die viel gesprochen wurde. Außerdem natürlich alle Spiele der Kosmos-Zweier-Reihe. Doch bald schon kam dann der Punkt, an dem sich die Frage stellte: Muss ich ein Spiel kaufen, dass ich bereits gespielt habe und dass mir nicht gefallen hat, nur weil es mal auf der Auswahlliste stand? Oder Bestandteil der Kosmos-Reihe war? Die Antwort war für mich „Nein!“. Mit unendlich viel Platz und Zeit und Geld hätte die Antwort anders ausgesehen, aber letztenendes bin ich mittlerweile dankbar, dass meine Sammlung überhaupt durch irgendwas eingeschränkt wird.

Dennoch: Vieles was man haben muss, habe ich damals gekauft. Das ging anfangs ganz gut, aber mit dem Internet stiegen die Anzahl der Dinge, die man haben musste plötzlich exponentiell. Und viele Dinge, die man haben muss, waren teuer und schwer zu bekommen. Und wenn man ehrlich ist: Viele Dinge, die man haben muss, muss man wirklich nicht haben. Vieles ist auch deswegen toll gewesen, weil es niemand kannte. Ich erinnere mich an Meine Schafe, deine Schafe, dass total toll war, als es nur wenige Auswerwählte gab, welche die Französische Originalausgabe erstanden hatten und ziemlich mittelmäßig als die Deutsche Version herauskam. Und vom heiligen Gral Schwimmende Inseln redet auch niemand mehr, seitdem eine zweite Auflage in Essen gefloppt ist.

Spätestens nach der Internationalisierung und Explosion an Vielspielerspielen Anfang dieses Jahrhunderts kann man als Familienmensch mit Beruf außerhalb der Spielewelt nicht mehr alles wichtige kennen, geschweige denn besitzen. Für mich hat dann auch eine Verschiebung eingesetzt: Spätestens mit meinem Buch „So spielt die Welt“ begann ich mich für Exoten und Kleinverlage zu interessieren. Die waren meine Priorität – die Spiele der „großen“ Verlage, konnte ich in anderen Runden kennenlernen und entscheiden, ob sie einen Kauf rechtfertigen oder nicht. Aber die Kleinen, die hatte nur ich! Und tolle Spiele waren dabei! Spiele Traders of Carthage oder Dixit oder Qwirkle hatte ich lange bevor sie in Deutsch (oder überhaupt) verfügbar waren. Natürlich war auch da jede Menge mässiges dabei, aber dennoch: Es waren besondere Spiele, die nur ich hatte…

… und wenn ich auch immer noch jenseits des Mainstreams gucke, dann geschieht dies eher weil die Exoten oft eher meinen Geschmack treffen, sie sind nicht mehr Mittel zum Zweck. Seit einigen Jahren ist es keine Leistung mehr, etwas besonderes zu haben. Es gibt so viele Spiele aus so vielen Ländern, dass jeder sich fast frei bedienen kann. Dank Paypal kann man in jedem Land einkaufen, was gefällt. Dank BGG findet man zu den meisten Exoten zumindest englische Regeln. Jeder Autor, der etwas Arbeit investiert, kann seine Prototypen verscherbeln, wenn er denn will. Nein, „Das habe nur ich“ ist kein Kaufgrund mehr.

Und so, nach über 20 Jahren Spiele kaufen und einlagern zählt tatsächlich nur noch eine Sache: Die Spiele müssen mir gefallen, mich ansprechen und letztlich muss eine Chance bestehen, sie auch auf den Tisch zu bringen (Bei besonders coolen Ideen oder Projekten übersehe ich den letzten Punkt dann allerdings gelegentlich). Eigentlich selbstverständlich, aber wenn man gerade in der Euphorie einer Spielebeschreibung feststeckt, bemerkenswert schwierig umzusetzen. Für jedes Spiel findet sich jemand, der begeistert darüber spricht. Das  macht die Sache nicht einfacher.

Und so habe ich etwas ausgemistet. Letztes Jahr hat die Gesamtzahl meiner Spiele erstmalig ein wenig abgenommen. Über 100 Spiele habe ich gespendet – Etwa die Hälfte an Flüchtlinge, die andere Hälfte an eine Jugendorganisation, für die ich mal gearbeitet habe. Ein paar habe ich verkauft (die Arbeit, die man da reinsteckt ist es oft nicht wert was man rausbekommt, gerade bei älteren Spielen), ein paar verschenkt, ein paar wenige für Prototypen ausgeschlachtet (insbesondere die, deren Schachteln so kaputt waren, dass ich die niemanden geben mochte). Eine Menge Spiele stehen jetzt noch unter Vorbehalt. Gerade aus den 90ern sind eine Reihe von Flohmarkt- und Schnäppchenspielen (aus der „Karstadt verkauft tolle Spiele für 20DM“-Zeit) noch ungespielt und ich würde mich erst nach einer Partie entscheiden wollen ob ich die behalte oder ob die gehen müssen. Auch das ist manchmal ganz spannend – Gerade habe ich z.B.  Winkeladvokat für mich entdeckt (schönes Abstraktes Spiel, das auch gut mit mehr als 2 Leuten funktioniert), während Die Kaufleute von Amsterdam als sehr mittelmäßiges Spiel auf den „Abgeben!“-Stapel gelandet ist. Ich hätte es anders herum erwartet.

Insofern versuche ich mittlerweile angesichts der Neuheiten vor allem eines: Cool bleiben! Mit wechselndem Erfolg, aber immerhin…

ciao

peer

(*) Aufmerksame Beobachter vermuten übrigens, dass  „Spielewelt“ der Spitzname ist, den ich mir in einem Anfall von Hubris selbst gegeben habe.

Peer Sylvester

Autor: Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

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