Dez 04

Wer Shut up and sit Down kennt, der kennt mittlerweile auch The Genius – eine koreanische Spielshow, die diese Bezeichnung verdient. 13 Leute spielen jede Folge ein Spiel, dass man getrost als „Großgruppenspiel“ bezeichnen kann. Der Gewinner ist automatisch weiter, der Verlierer sucht sich einen Mitspieler aus (außer dem oder den Gewinnern), der mit ihm gegen das Ausscheiden ein weiteres Spiel spielen muss. Ich bin gerade in der zweiten Staffel, denn mir gefällt das Konzept sehr. Und ich möchte hier ein bisschen meinen Raum nutzen, zu erklären, was diese Show richtig macht und warum sie deutlich besser funktioniert als so ziemlich alle Spielshows im deutschen Fernsehen und insbesondere auch besser als Das unsägliche Spiel beginnt. Nebenbei kommen wir dann auch dazu, zu erklären, wie Spiele im Fernsehen präsentiert werden können.

Natürlich gibt es durchaus kulturelle Unterschiede: In Korea werden Computerspielturniere im Fernsehen übertragen, das heißt, man ist schon etwas komplexeres gewohnt. Aber schon das Grundkonzept ist anders als bei den meisten Spielshows in Deutschland:

Erstens geht es hier tatsächlich um geschicktes Spielen und nicht -wie oft bei Ausscheidungsspiele im Fernsehen – um Sympathie. Entsprechend werden hier auch keine Dramen erzeugt, keine Charakterisierung aufgrund von Schnitten. Das Spiel steht im Vordergrund.

Zweitens will The Genius keine Talkshow sein. Bei Das Spiel beginnt, wollen die Promis zwischendurch immer noch einmal über ihr Leben reden und es müssen Leute auftreten und Werbung für ihr Merchandising machen. Selbst bei Prominenten-losen Shows werden die Leute vorgestellt und befragt und dürfen aus ihrem Leben erzählen – siehe 1. All das fehlt hier. Und damit konnte man auch einen Moderator sparen. Im Gegenzug sind es nicht nur Sänger und Schauspieler, die bei The Genius mitmachen, sondern auch Progamer, Billard- und Gospieler und vor allem auch weniger Prominente (nehme ich an), die aber z.B. Mensa-Mitglieder sind oder Hacker oder erfolgreiche Geschäftsleute. Dadurch ist – verzeihung liebe Sänger und Schauspieler – auch das Niveau schon ein bisschen höher. Auch wenn ich mich wiederhole: Das Spiel steht im Vordergrund und eben die Spieler und deren Herangehensweisen und Taktiken. Und das ist durchaus spannend – denn jetzt kommen wir zu den Spielen:

Wie oben erwähnt sind es quasi „Großgruppenspiele“, also keine klassischen Brettspiele. Dafür sind die Spiele extra dafür entworfen wurden, dass sie viel Raum für Verhandlungen haben und das die Spieler sich austauschen und helfen, aber auch betrügen können. Einige Spiele würden außerhalb des Formats nicht richtig funktionieren, aber gerade dadurch, dass der Verlierer jemanden mitreißen kann und der Gewinner geschützt ist (und ein einzelner Gewinner jemanden mitschützen kann) gibt es viel Verhandlungsmasse (Zudem gibt es eine Währung, die gesammelt und für diverse Vorteile genutzt werden kann). Und vielleicht liegt hier der Schlüssel und der wesentliche Unterschied:

Bei herkömlichen Spielen zuzusehen ist oft langweilig, außer es sind sehr aktive Spiele, wie Geschicklichkeits- oder Bauspiele. Aber auch die werden schnell langweilig, reine Strategiespiele sogar noch schneller. Verhandlungsspiele dagegen sind wie für das Fernsehen gemacht, da sie Interaktion pur bieten, gut nachvollziehbar sind und Spannung garantieren. Bei The Genius gibt es verschiedene Räume, in denen sich die Spieler absprechen können und natürlich gibt es Vertrauen und Verrat – Genau das was man sehen will! The Genius zeigt dabei manchmal auch Rückblenden, die bestimmte Überraschungen und Wendungen erklären. Das hat schon fast narrativen Charakter!

Allerdings wagen die Genius-Macher auch etwas mit den Spielen – manche Erklärungen sind durchaus komplex und einige Spieler verstehen erst nach und nach die Regeln – da ist die lange Spielzeit im Endeffekt durchaus wieder ein Plus. Auch der Zuschauer bekommt neben der Regelzusammenfassung auch immer wieder Erklärungen und Hinweise eingeblendet – und sogar die eine oder andere Strategie erklärt. Auch so  wird das Medium gut ausgenutzt. Das ermöglicht recht komplexe Spiele – das erste Spiel der zweiten Staffel hat so viele verschiedene Siegbedingungen (fast pro Rolle eine), dass die Spieler eine Zusammenfassung bekommen haben. In Deutschland würde sich das keiner trauen. Aber warum eigentlich nicht? Wie gesagt, werden die Regeln immer wieder eingeblendet, so dass man gut folgen kann, ohne alles gleich verstanden zu haben. Setzt man hierzulande eher auf spektakuläre Action – Riesenausgaben von Looping Louie oder BMX-Tennis (oder so) bei Schlag dem Raab – wird hier auf Interaktion gesetzt. Das Publikum kann sich an Strategien erfreuen und wird nicht nur unterhalten, sondern auch geistig nicht für dumm verkauft. Bedenkt man die Beliebtheit von Quizshows hierzulande, vielleicht nicht so mutig, wie es klingt.

Ich glaube nicht, dass sich die Fernsehlandschaft ändern wird, was Spiele betrifft. Aber ich glaube, sie könnte sich ändern, wenn sie wollte und The Genius hat gezeigt wie das geht. Es hat auch gezeigt, dass all die Sache, die angeblich nicht gehen -wie komplexere Regeln oder Fokussierung auf Strategien – durchaus gehen, wenn man denn will. Aber das deutsche Fernsehen ist notorisch konservativ (wie mir vermutlich jeder Seriendrehbuchautor bestätigen wird) und wir sich wohl noch einige Jahrhunderte auf Verflixte-Sieben-, Wer-wird-Millionär-  und Big-Brother-Verschnitte konzentrieren….

Wer The Genius englisch untertitelt sehen will, findet hier alle Folgen. Und ein Tipp: Eingach mal The Genius Cheat sheet googlen, um eine Übersicht der Personen zu bekommen. Dann kann man sich besser merken, wer wer war…

ciao

peer

P.S.  Gerade wird viel off- und online über Patreon und andere Bezahlmöglichkeiten diskutiert. Mein Problem : Ich blogge hier, weil ich ein elender Selbstdarsteller bin und ich mich gut hier selbst darstellen kann. Meine Meinung vertreten. Vielleicht Einfluss nehmen. Schreiben üben. Meine Meinung artikulieren Vielleicht bewundert werden. Bin halt Narzist. Und ich fände es komisch mich für diese sehr egoistischen Motive auch noch bezahlen lassen. Ich weiß auch noch nicht was ich von dem allgegenwertigem Fundraising-Trend halten soll. Sicherlich, große Seiten wie Boardgamegeek lassen sich nicht anders finanzieren und bestimmte Dinge sind nur möglich, wenn auch Geld fließt –  aber wenn die eine Hälfte der Blogs Geld eintreibt, weiß ich nicht, ob die andere da nicht mitziehen muss, um noch gelesen zu werden. Keine Ahnung. Wie gesagt: Meine Meinung ist noch in der Findungsphase. Allerdings sind mir interessante Kommentare und gelegentliches Lob im Moment wichtiger als ein paar Markfünfzig (schon weil wir ja jetzt den Euro haben).

TBS: Jürgen zahlt den Serverbetrieb und die Domain aus eigener Tasche. Ist nicht viel, aber wenn ihm jemand Geld geben würde, würde mich das durchaus freuen. Paypald einfach die Email im Impressum.

Und wer mir trotz all dem gesagten ein Weihnachtsgeschenk machen will, der findet hier und hier meine Amazon-Wunschlisten  🙂

Matthias kann man bei den Bretterwissern unterstützen.

 

Peer Sylvester

Über den Autor

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

Peer Sylvester – who has written posts on www.spielbar.com.






5 Kommentare zu “Lasst die Fernsehspiele beginnen! (Und Bonus P.S. Weil Weihnachten ist)”

  1. Matthias Nagy schreibt:

    Coole Show. Das wäre tatsächlich cool im Deutschen Fernsehen. Auch als YouTube Sendung würde das klasse funktionieren, solange man die richtigen dafür zusammenbekommt, und die Finanzierung, denn das Personal und die Kulissen bekommt man als kleiner selber nicht hin.

    zum Thema Finanzierung: Bei den Bretterwissern benutzen wir das Geld vor allem für die vielen laufenden Kosten. Da sind nicht nur die Serverkosten, die gerade auf Grund der vielen Downloads etwas höher sind, als bei einem einfachen Blog, dazu kommen die Kosten für die anderen Tools die wir nutzen damit der Ton besser ist, Auphonic und zencastr vorneweg. Zusätzlich nutzen wir das um bessere Aufnahmetechnik zu besorgen, was lat bisherigem Feedback auch sehr positiv aufgenommen wird. Wir könnten auch ohne diese Finanzierung weitermachen, aber so können wir mehr bieten.
    Ist das positiv oder negativ? Ich finde die Diskussion eher lästig. Wir wollen uns davon nicht ernähren, aber wir freuen uns auf diese Weise noch eine andere Ebene der Kommunikation mit den Hörern zu haben. Wenn auch nur mit einem Bruchteil selbiger. Braucht es jeder? Definitiv nicht.

  2. Peer Sylvester schreibt:

    Nur zur Klarstellung: Mir ist klar das Podcasts und Videoseiten mehr Technik udn damit auch mehr Kosten haben. Ich finde es auch legitim die wieder einzuwerben.

    Bei Blogs bin ich da noch unschlüssig. Aber letztlich liegt es mir fern, dort irgendjemanden fürs Fundraising zu kritisieren. Das ist jedem selbst überlassen.

  3. Jürgen Karla schreibt:

    Nur als Hinweis: Die Adresse im Impressum funktioniert bei PayPal nicht. Muss aber finanziell auch nicht unbedingt sein… 😉

  4. Rückspiel Januar 2017 - Brettspielfeed schreibt:

    […] Peer bei spielbar.com hatte letztes Jahr über eine Südkoreanische Fernsehshow geschrieben: The Genius. Das hatte mich neugierig gemach und ich hatte mir einfach mal die erste Folge angeschaut. Und war […]

  5. Rückspiel Januar 2017 – Bretterwisser schreibt:

    […] Peer bei spielbar.com hatte letztes Jahr über eine Südkoreanische Fernsehshow geschrieben: The Genius. Das hatte mich neugierig gemach und ich hatte mir einfach mal die erste Folge angeschaut. Und war […]

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