Es ist mal wieder soweit…
Kommenden Sonntag wird die Jury ihre Nominierungsliste veröffentlichen. Das ist dann die Zeit, in der es ellenlange Threads über Für und Wieder im Spielefourm geben wird. Die Postings kann man grob in vier Gruppen einteilen:
1.) Die Hauptgruppe, die vergisst, dass es nicht um das “beste” Spiel des Jahres geht. Die Jury ist sich wohl bewusst, dass das nicht geht und wählt das Spiel “Das das Kulturgut “Spiel” am meisten fördert”, was immer das heißen mag. Witzigerweise sind sich die Leute bewusst, dass es nicht um das beste geht, aber sie versuchen dennoch ihr Post irgenwie zu legitimieren, entweder mit Semantik (“Naja, mag sein, aber im Prinzip, wird es doch als ´bestes´wahrgenommen”) oder Selbstillusion (“Ach, so kompliziert ist das Spiel nun auch wieder nicht”). Letzteres ist der häufigste Fall, entweder implizit oder explizit. Hauptproblem ist dass die meisten Leute (bzw. niemand) wirklich einschätzen kann, was zu kompliziert für den Hauptpreis ist, oder was die Jury dafür hält. Doch letztlich will jeder sein Lieblingsspiel oben sehen – Ein Phänomen, dass ich bereits besprochen habe. Da bleibt dann auch mal die Sachlichkeit auf der Strecke (Fairnesshalber muss ich gestehen, dass ich es auch doof finde wenn ein Spiel SdJ wird, dass ich nicht mag – da ich die komplett haben will bedeutet das nämlich dass ich ein Spiel kaufen muss, dass ich nicht will).
2) Eine ähnliche Gruppe wie 1 aber mit dem zusätzlichen Kick, dass sie vergessen, dass der SdJ mittlerweile nun mal eine gewisse Reputation hat. So verdient es vielleicht wäre, wenn ein 2-Spieler-Spiel oder ein Kriegsspiel oder ein Spiel mit “schwarzem Thema” gewinnt, so groß wäre doch der Schaden der dadurch entsteht. Wenn eine Familie ein Spiel kauft, mit dem sie nichts anfangen kann, nimmt der Preis Schaden. Und so kritisch man den Preis auch sehen kann: Er ist für die deutsche Szene essentiell (siehe auch nächster Punkt).
Aus dem gleichen Grund ist der Preis auch keine “Subvention”, die bestimmte Verlage treffen soll, um diesen zu helfen. Und so sehr Alea auch vielleicht einen Hauptpreis verdient hätte – sie müssen erst einmal ein entsprechendes Spiel produzieren. Sonst ist der Schaden unterm Strich größer als der (kurzfristige) Nutzen. (Torres soll ja den Bonus des “FX Schmid helfen” gehabt haben. Es ist eines meiner Lieblingsspiele, aber ich sehe auch, dass es keine geeignete Wahl war – aber das zeigen schon die Verkaufszahlen, die zu den niedrigsten eines SdJs der Post-Siedler-Ära gehören).
3) Dann sind natürlich noch die, die jedes Jahr betonen, dass sie sich für den Preis gar nicht interessieren. Ist natürlich legitim, aber wer das immer betont, kann dem Preis nicht gleichgültig gegenüberstehen sondern würde die Threads ignorieren, oder?
Besonders mag ich die, die das noch mit einer lachhaften Aussage verknüpfen wie “So lange die Jury nicht “Here I stand” berücksichtigt, kann ich die nicht ernst nehmen”. In der Spieleszene ist der “Ich bin noch mehr Außenseiter als du!” – Snobismus zum Glück nicht so verbreitet wie unter Musikhörern (Ich höre viel -aber nicht nur – AlternativeRock und in der Szene herrscht die Meinung vor, dass eine Band umso besser ist, je weniger sie kennen und besonders je weniger sie mögen), aber eine solche Aussage ist schlicht lächerlich. Sie zeugt auch eher dafür, dass der Poster nicht verstanden hat, worum es beim SdJ geht, als sonstwas.
Übrigens würde ich so ein langes Post nicht absetzen, wenn ich nicht denken würde, dass der SdJ wichtig wäre. Der SdJ ist für die Szene essentiell. Er hält die Brettspiele abseits der Szene im Gespräch und hilft neuen Nachwuchs nachzuzüchten.
4) Alle anderen, auch die, die wissen wovon sie reden
Und bevor ich ein Spiel verreisse (unterm Strich), meine obligatorischen Tipps für die Nominierungsliste (wobei die Jury immer ein abstrusen Spiel draufsetzt – das Unvorhersehbare kann ich aber nicht vorhersehen…) Im nächstwöchentlichen Post sehen wir mal, ob ich Recht hatte (meistens nicht…). Über die Kinderspielliste mache ich keine Aussagen – da kenne ich mich nicht aus. Ich hoffe aber, dass “Trötofant” nominiert wird.
Haupttipps:
Ysphahan: Kommt die Jury kaum drumrum. Sowohl originell, als auch gut. Könnte allerdings zu viele Regeln für den Hauptpreis haben. Die Buchmacher dürften das aber ganz oben auf der Liste haben.
Säulen von Venedig: In der Rezi hier auf der Seite habe ich ja ausführlich dargelegt, warum ichs für nominierungswürdig halte. Wenns draufkommt, hats auch Chancen für den Hauptpreis.
Baumeister von Arkadia: Sicherlich auch ein starker Kandidat, aber eventuell zu abstrakt und vor allem zu denklastig für den Hauptpreis. Gönnen würde ich es dem Rüdiger Dorn aber und mit dem Spiel hat er recht ordentliche Chancen.
Zooloretto: Hier ist die Frage, ob es rechtzeitig für eine Berücksichtigung erschienen ist und ob sich die Jury davon beeinflussen lässt, dass es “nur” eine Brettspielumsetzung eines Kartenspiels ist (wobei Alhambra darauf hindeutet, dass das nicht der Fall ist). Werden diese beiden Hürden genommen, dann ist das mein Tipp für den Hauptpreis. Thema und Mechanismus dürfte bei Wenigspielern sehr gut ankommen (und meiner Frau gefällts, und die definiert sich als Zielgruppe des SdJs)
Portobello Market: Ja, ich mags nicht und entsprechend ist das wohl der Tipp, der mir am schwersten fällt. Sollten nur 4 Spiele nominiert werden, fällt es wohl weg. Für den Titel spricht, dass es ein einfaches Familienspiel ist, dass bei Kritikern sehr gut ankommt (siehe Spielbox-Rezi). Dagegen, dass es imho das Kulturgut Spiel nicht wirklich fördert: Das Spiel ist einfach zu einfach. Das Hobby Brettspiel wird nicht wirklich adäquat vertreten – es ist ein Absacker, kein Hauptspiel.
Außenseiterchancen:
Dieb von Bagdad: Von den hier genannten traue ich diesem Spiel am ehesten zu, noch nominiert zu werden (anstelle von Portobello Market vermutlich). Es ist ein einfaches, schnell gespieltes und nicht triviales Optimierspiel. Für den Hauptpreis ist es aber wohl zu einfach (siehe Portobello Market), zu abstrakt und zu sehr Optimierspiel ![]()
Wikinger: Wikinger spielt sich leicht genug, für ein SdJ – Wenn das Spiel und insbesondere die Wertungsregeln erst einmal verstanden sind. Und das ist eine gewisse Hürde, die vermutlich zzu hoch für eine Nominierung ist. Vielleicht aber auch nicht, daher bleibt eine kleine Nominierungschance. Vielleicht wäre es möglich gewesen die Wertungsregeln besser mit einem Thema zu verknüpfen, so dass sie einfacher zu verstehen gewesen wären?
Guatamala Cafe: Das einzige Spiel der hier erwähnten, das ich noch nicht gespielt habe. Nachdem was ich gelesen habe könnte, es durchaus genau den Spagat zwischen zu einfach und zu komplex schaffen, es ist zudem originell und die Jury würde einen neuen Verlag (eggertspiele) unterstützen. Richtig glauben, kann ich es aber nicht.
Taluva: Eigentlich überhaupt nur auf der Liste, weil beim Raten auf BGG sehr oft genannt. Vielleicht das obligatorische, abstruse Spiel? Vermutlich zu abstrakt, andererseits einfach von den Regeln, originell und schön. Ich kanns mir aber dennoch nicht wirklich als Familienspiel vorstellen.
Nicht nominiert:
Notre Dame: Trotz aller “Alea muss einen Titel haben”-Rufe: Ich denke nicht. Ja, die Regeln sind einfacher als bei den meisten Alea-Spielen, aber das Spiel selbst ist immer noch recht komplex (Großes Wirkungsgeflecht). Aber vor allem: Es fehlt das Spielerische. Macht Vielspielern wie mir und dir so eine reine Optimieraufgabe Spaß, so bezweifle ich, dass eine normale Familie damit was anfangen kann. Spielt mein Nachbar Notre Dame mit seinen 14jährigem Sohn? Ich glaube kaum.
Colosseum: Ja, es ist das Spiel, das mir im Kalenderjahr 2007 am meisten gefallen hat. Nein, ich denke nicht, dass es Spiel-des-Jahres-Material ist. Zu hoch ist die Spieldauer, zu lang die Regeln, zu unnachgiebig ist es gegenüber Fehlern.
Säulen der Erde: Überraschung, dass das hier steht? Wo doch alle meinen, DAS wäre nun endlich mal ein komplexes Spiel, welches einfach genug für den Hauptpreis ist? Ich denke: Illusion! Säulen der Erde ist ein gutes Spiel, aber es kein Familienspiel. Das Regelheft ist für unerfahrene immer noch eine Hürde (nicht dass es schlecht wäre, es gibt nur viel zu erklären) und nicht jeder hat einen erfahrenen Erklärbär in Rufweite. Das sieht man übrigens auch bei Kosmos so, jedenfalls meinte Fritz Gruber letztes Jahr in Göttingen “Zu Essen bringen wir wieder ein echtes Vielspielerspiel raus” – naja und Sudoku wird er kaum gemeint haben, oder?
Sonderpreis glaube ich übrigens auch nicht. Wenn ein “Literatur im Spiel”-Preis vergeben werden sollte, dann eher an ein Spiel von Kai Haverkamp. Unglaublich, was der Kai da schafft! (Und das schreibe ich nicht nur aus der wagen Hoffnung heraus, dass der Kai das hier liest, mich anschreibt und wir dann ein Spiel zusammen erfinden
)
Space Dealer: Ein SF-Zugoptimierspiel mit Echtzeitkomponente auf der Nominierungsliste? Ich kenne Tobias und ich würde es ihm gönnen. Aber ganz ehrlich: Ich kann es mir nicht wirklich vorstellen. Oma und Opa kaufen Space Dealer für ihre Enkel? Und spielen das unterm Tannenbaum? Das auch nicht. Das höchste der Gefühle wäre ein irgendwie gearteter Sonderpreis, um den innovativen Mechanismus auszuzeichnen und -siehe oben – eggertspiele zu begünstigen.
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Interessant, dass derselbe Spieleautor für das Spiel, dass mir 2007 am besten gefallen hat verantwortlich ist, wie für das Spiel, dass mir dieses Jahr am wenigsten gefallen hat: Wolfgang Kramer. Colosseum ist bislang mein Lieblingsspiel dieses Jahres. Der Markt von Alturien wurde letzte Woche abgebrochen. Meine Güte, Der Markt belebt den Satz “Das ist wie Monopoly” wirklich neu! Nicht, dass das zwangsläufig was schlechtes wäre -Projekt Skyline spiele ich recht gerne – Aber der erste Teil der Alturien-Reihe ist spieldesigntechnisch wirklich Lichtjahre hinter aktuellen Spielen hinterher. Ist das wirklich ein Kramer-Spiel? Kaum zu glauben! Hier hat der Altmeister offenbar versucht, einem Klassiker (Monopoly) neuen Anstrich zu geben. Wesentlicher Unterschied: Es gibt keine eigenen Figuren mehr, sondern man kann eine von 6 Figuren per Würfelwurf bewegen. Resultat: Vor jedem Zug erstmal nerviges Abzählen. Und wer dann dennoch keine Figur auf eigene Häuser ziehen kann ist erstmal frustriert. Zumal zu fünft die Bauplätze schnell weg sind. Im Prinzip bekommt man für einen erfolgreichen Wurf 1-3 Geld. Meistens bekommt man in einem Viertel sogar noch einen Bonus von zusätzlichen 2. Glück und Unglück liegen also bis zu 5 Geldeinheiten auseinander. Ein neues Haus kostet 3 (bzw. 5 auf Spezialfeldern). Wer 2x am Anfang Pech hat liegt also so 2 Häuser hinter einem, der Glück hatte. Letzterer hat dann mehr Häuser, größere Chance was zu gewinnen… Wer reich wird, wird reicher. Zwar gibt es den Dieb als ausgleichendes Argument, aber auch mit dem läuft hinterher, wer am Anfang nicht genug Häuser bauen konnte. Naja, vielleicht gleicht es sich irgendwann aus, aber so lange haben wir die Würfel- und Zählorgie nicht gespielt. Durchgefallen! Durchgefallener sogar als Venedig!
So, ein langes Post geht zuende. Sind wir gespannt, was die Jury aus dem Hut zaubert!
ciao
peer

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