Metamorphosen
Kaum habe ich es erwähnt, schon flatterte es auf den Tisch: Zooloretto. Wer ausschließlich an Eindruck, Fazit und Spielablauf und so interessiert ist, möge einen Teil des folgenden Textes ignorieren.
Zooloretto ist nun die Brettspielvariante eines Kartenspieles und das ist ein ungewöhnlicher Weg. Der umgekehrte Weg -vom Brett zum Kartenspiel – ist da weitaus üblicher. Warum?
Nun, eine Kartenspielversion hat verschiedene Gründe:
- Das Sparen von Material: Wo sich eine 1:1 Neuauflage eines Brettspieles wohl nicht mehr verkauft müssen neue Anreize geschaffen werden (über Luxusausgaben hatte ich ja schon gesprochen). Ein möglicher Anreiz ist es eine günstigere Version zu schaffen. Und ein Kartenspiel ist da eine mögliche Methode (Beispiele wären Intrige von Amigo oder die Ogalalla-Kartenspielversion) und kann einem guten Spiel einen “zweiten Frühling” beschaffen (Garantiert ist das nicht: Sie Razzia/Ra).
- Kartenspiel als Konzentrat: Manchmal soll mit einem Kartenspiel die Essenz des Brettspieles transportiert werden. Wie beim letzten Beispiel gehts da in erster Linie um das Sparen von Material, aber zusätzlich wird auch beim Mechanismus alles Überflüssige entfernt. Beispiele sind z.B. die Inkognito und Cluedo Kartenspielversionen. Bei den jeweiligen Vorlagen liegt im Prinzip ein Kartenspielmechanismus vor, der jedoch mit viel Chrom verpackt wird. Wenn man den weglässt erhält man ein Kartenspiel. Die Gefahr ist jedoch, dass das Spiel nur noch Puristen gefällt (Das Ingkognito-Brettspiel lebte auch stark von der Athmosphäre) oder gar nicht mehr richtig funktioniert (Cafe International). Ein gutes Beispiel ist Zatre-Das Kartenspiel, dass sich anders spielt, als das Original, aber dennoch die Essenz einfängt. Auch Canal Grande – das Kartenspiel zu San Marco – gefällt mir gut (was aber paradoxerweise auch daran liegt, dass ich das Brettspiel nicht mag).
- Kartenspiel als einfachere Version: Manchmal nehmen die Verlage auch ein erfolgreiches Vielspieler-Brettspiel und vereinfachen es zu einer Kartenspielversion. Bestes Beispiel ist natürlich San Juan, als kleiner Bruder von Puerto Rico oder das in kürze erscheinende Caylus-Kartenspiel Magna Carta. Die Gefahr bei einer solchen Umsetzung ist natürlich dass beim Transfer vom komplexen zum einfachen das wesentliche flöten geht, das was das Urspiel ausgemacht hat weg ist. Bei SJ war das glücklicherweise nicht der Fall.
-Kartenspiel als ganz eigenständiges Spiel: Da wäre z.B. das Siedler-Kartenspiel. Etwas ganz anderes als das Ursiedler, etwas mit einem GRundmechanismus, aber der Rest ist anders. Das Brettspiel nutzt Brettspielmechanismen, das Kartenspiel Kartenspielmechanismen. Hier liegt wirklich mehr vor als nur eine Umsetzung.
Nun aber zum umgekehrten Fall: Brett- zum Kartenspiel. Der Grund ist natürlich klar: Gewinn zu erwirtschaften und das ist ein legitimer Grund. Doch aus spielerischer Sicht: Wo liegen die Vorteile? Material wird ja schon einmal nicht eingespart, im Gegenteil. Natürlich gibt es Kartenspiele, wo zusätzliches Material sehr gut denkbar wäre, z.B. Verräter. Aber bei den bisherigen Brettspielumsetzungen der letzten Zeit (Zoloretto, Bohnhansa, Tanz der Hornochsen) war das nun nicht unbedingt der Fall. Folglich muss Material hinzuerfunden werden und das wird sehr schnell als “Überflüssig” wahrgenommen: Ob man bei Tanz der Hornochsen jetzt Plättchen oder Karten hat ist letztlich egal (Anmerkung: Da ich Bohnhansa nicht gespielt habe, lasse ich es bei meinen nachfolgenden Betrachtungen weg). Dasselbe gilt für Zooloretto, besonders für die Holzwagen.
Als einziges sinnvolles Assessoir dient nun das Brett das eine differenziertere Wertung erlaubt.
Und da sind wir bei des Pudels Kern:
Die genannten Kartenspiele sind allesamt leichte Kost, die gerade durch einen pfiffigen Mechanismus bestechen. Jetzt gibt es bei der Umsetzung das Dilemma: Ich muss den Mechanismus auch im Brettspiel nutzen, sonst hat das Spiel nix mit der Vorlage zu tun. Der Witz des Urspiels war es aber gerade einfach zu sein, also darf das Brettspiel nicht viel schwieriger werden. Dann bleibt mir als Autoren aber nicht viel Spielraum.
Fazit: eine neue Wertung oder -wie bei Zooloretto - ein paar neue Beschränkungen und ein paar Sonderplättchen. Das Resultat spielt sich in der Tat fast wie das Kartenspiel, im Falle von Zooloretto vielleicht noch ein Zacken schärfer. Aber: Bedarf es da eines neuen Spieles? Kaum.
Zooloretto ist ein schönes Beispiel. Es sieht gut aus, hat ein passendes Thema und bietet im Vergleich zum Urspiel ein weiteres Dilemma (wer zu viel einer Sorte hat, bekommt ebenfalls Minuspunkte). Doch letztlich ist es nur Coloretto. In der flachen Abacusschachtel für 15€ hätte ich es mir vielleicht noch zugelegt, aber es spielt in einer Preisklasse wie z.B. Notre Dame. Und da kann es nicht mithalten. Ich hab es in Prinzip schon. Dasselbe gilt im übrigen fast genauso für Tanz der Hornochsen: Gutes Spiel, aber eben nur 6 nimmt! als Brettspiel.
Es bleibt also noch aus: Eine wirklich gelunge Transportation von Karten- zu Brettspiel. Eine die wirklich neue Zielgruppen anspricht. Quasi sowas wie das Siedler-Kartenspiel. Nur eben umgekehrt…
ciao
peer

6. Mai 2007, 23:51
BohnHansa hat außer dem Thema nicht wirklich viel mit Bohnanza zu tun. Statt Bohnen anzubauen müssen sie zwischen verschiedenen Städten ge- und wieder verkauft werden. Hat eher was von “Auf Achse”. Bei dem Spiel war es wohl auch so, dass zuerst die Spielidee da war und man dann am Ende dachte, dass das ja auch gut in die Bohnenwelt passen würde und so mehr Geld einbringen könnte. Und so sind die Waren nun also die Bohnen. Ach, gehandelt werden darf zwischen den Spielern auch ab und an, noch eine kleine Gemeinsamkeit. Sonst aber wirklich ganz weit weg vom Kartenspiel.
Zooloretto werde wohl bald mal spielen dürfen, bin gespannt, ob ich dir Recht gebe.
“Tanz der Hornochsen” gibts bei mir übrigens lieber auf den Tisch als das wirklich sehr ähnliche Original-Kartenspiel. Das Brettspiel hat doch schon ein paar kleine interessante Neuerungen…
10. Mai 2007, 20:37
Moin Peer,
ich denke, es ist schwer, von einem guten Kartenspiel ein gutes Brettspiel abzukoppeln, das gleichzeitig aber auch so eigen ist, dass es als Brettspiel seine Daseinsberechtigung hat. Weil ich mich wegen meiner Diplomarbeit zur Zeit intensiv mit Kartenspielen und ihren Eigenschaften beschäftige, habe ich mir auch mal dazu Gedanken gemacht, wofür ich eigentlich Karten und wofür ein Brett brauche. Meine Erkenntnis ist, dass man an sich so ziemlich alles mit Karten darstellen kann. Dabei ordne ich Spiele wie Carcassonne den Kartenspielen zu, da die Landschaftsplättchen nichts sonderlich anderes sind, als speziell geformte Karten. Selbst ein Schachbrett und die benötigten Figuren ließen sich aus Karten bilden, bzw. mit ihnen darstellen. Der Haken bei dieser Lösung wäre nur die Benutzerfreundlichkeit.
Ein Spielbrett macht also nach meiner Auffassung nur dann Sinn, wenn eine “Landschaft” bespielt werden soll. Ansonsten sehe ich das Brett gegenüber den Karten als erheblich einschränkenden Faktor an, der viele Freiheiten, die Karten gewähren, einfach nicht zulässt. Ein Spielbrett ist in seiner Gestaltung in der Regel sehr starr. Selbst der Spielerzahl anpassbare Spielbretter sind noch lange nicht so dynamisch wie Karten. Und selbst dann gibt es gewisse spielerische Verhaltensweisen meist mehr vor, als Karten dies tun (von den konkreten Spielregeln mal abgesehen). Selbst physikalisch stellt ein Spielbrett ein größeres Problem dar, als Karten, da das Brett erstmal auf einen Tisch passen muss. Karten kann man entsprechend zurechtsortieren.
Dafür kann ein Spielbrett oft mehr Atmosphäre erzeugen, als ein Kartensatz. Die Spieler haben eben eine “Landschaft” vor Augen, in die sie sich hineindenken. So traue ich dem Spielbrett mehr als Karten zu, die Spieler im Spiel in seinen Bann zu ziehen und die gewünschte Stimmung zu transportieren.
Das ist aber auch der Knackpunkt. Bei Kartenspielen spielt in meinen Augen die Atmosphäre eine eher untergeordnete Rolle. So wird sie bei Kartenspielen auch eher seltener in beeindruckendem Maß erzeugt (Ausnahmen wie “Ohne Furcht und Adel” bestätigen die Regel). Weil jetzt aber ein Kartenspiel gerade in den Freiheiten, die es den Spielern ermöglicht (wie gesagt, von den konkreten Spielregeln im Einzelfall abgesehen), seine Stärken hat und, wenn es so gut ist, dass man dieses auch anderweitig weiter vermarkten will, es ja offensichtlich so sehr ausgereift ist, dass es kaum noch besser den Kern des vorliegenden Spielkonzepts treffen kann, macht ein so gutes Kartenspiel ein abgekoppeltees Brettspiel an sich schon fast unnötig. (Der Satz war lang, aber ich kam da anders nicht mehr raus
) Ich schreibe bewusst “fast” weil ich einem solchen Brettspiel seine Daseinsberechtigung nicht völlig versagen will.
Eine Brettspielabkopplung von einem Kartenspiel macht in meinen Augen nur dann wirklich so richtig Sinn. Wenn es zum Spielkonzept noch Ideen gibt, Mechanismen damit zu kombinieren, die nur mit einer komplexeren “Landschaft” wirklich benutzerfreundlich sind. In dem Fall stellt sich dann aber auch die Frage, warum nicht gleich ein Brettspiel draus gemacht wurde.
Andreas
11. Mai 2007, 20:55
Hi,
wow, das war eine fundierte Analyse, dem ich kaum was hinzuzufügen habe. Du hast Recht, dass die Spielbretter theoretisch in den meisten Fällen durch Karten ersetzt werden können (was natürlich deutlich weniger optisch und haptisch ist). Allerdings nicht alle: Dreidimensionale Aspekte wie z.B. bei Heroscape oder Avalanche oder Elektronikschnickschnak wie bei “Die Insel” geht natürlich nicht (Mmm, die Ära der Spezialbretter wie es sie damals in vielen MB-Spielen gab -ich denke z.B. an Hinterhalt, Avalanche oder Fliegenfalle) scheint vobei zu sein).
Vor allem aber hast du natürlich recht damit, dass Karten meistens abstrakter sind als Spielbretter -passt ja auch weniger rauf und sie müssen in der Hand übersichtlich bleiben. Damit ist das Brettspiel dann meistens auch abstrakt – obwohl bei Zooloretto eine schöne thematische Einkleidung gelungen ist.
Und natürlich können die Brettspiele mehr Spaß machen als die dazugehörigen Kartenspiele. Dennoch gäbs da wenig, was nicht auch als Kartenspielvariante denkbar gewesen wäre
12. Mai 2007, 13:42
Moin Peer,
Was die Dreidimensionalität angeht, bin ich nicht ganz deiner Meinung. Theoretisch lässt sich auch diese durch Zahlenwerte auf Karten darstellen. Allerdings gehen damit natürlich wieder beträchtliche Einbußen in der Benutzbarkeit, aber es ist eben auf Karten konvertierbar.
danke für das Lob
Recht hast du dafür uneingeschränkt bei Elektronikschnickschnack. Den hatte ich bei meinen Überlegungen nicht berücksichtigt. Ich denke, das liegt daran, dass die Elektronikbrettspiele eher noch ein Nischenprodukt sind. Ob sich daran in Zukunft etwas ändern wird, bleibt abzuwarten. An sich wäre ich schon mal an einem solchen Spiel interessiert. Wobei das Interesse nicht wirklich der Reiz des Spiels ist, sondern die Erfahrung, auch so etwas mal ausprobiert zu haben. Aber sie sind mir zu teuer und ich bin etwas skeptisch, wie gut die derzeitigen Spiele dieser Art tatsächlich sind. Also werd ich von einem Kauf erstmal die Finger lassen, wenn ich nicht anderweitig mal die Gelegenheit bekomme, eines zu testen.
Zu Zooloretto kann ich nichts sagen, weil ich weder das Brett- noch das Kartenspiel kenne.
> Und natürlich können die Brettspiele mehr Spaß machen
> als die dazugehörigen Kartenspiele.
Das bestreite ich nicht. Allerdings sehe ich da eben eher den erhöhten Spielreiz in der verstärkt transportierten Atmosphäre, nicht im verbesserten Mechanismus. Denn für den benötige ich das Brettspiel nicht.
> Dennoch gäbs da wenig, was nicht auch als
> Kartenspielvariante denkbar gewesen wäre
Und genau das ist der Punkt, wegen dem ich nach dem Kartenspiel das Brettspiel kaum brauche
Andreas (der trotzdem ein großer Fan von Atmosphäre ist)
12. Mai 2007, 17:54
Mir kam noch ein Gedanke:
Das Spielbrett (auch wenn Brett in diesem Fall nicht ganz passt, weil es eine zu plane Landschaft suggeriert) kann eine Sache, die Karten in keinem Fall können. Die Möglichkeit mit einem Spielbrett eine 3D-Landschaft zu gestalten, erlaubt die physikalische Nutzung einer solchen Landschaft. Vor allem bei Kinderspielen wird davon gebrauch gemacht, wodurch ein Geschicklichkeitsaspekt entsteht, der so mit Karten einfach nicht abbildbar ist.
Allerdings kommen wir damit vom eigentlichen Thema ab, denn die Unmöglichkeit, mit Karten ein solches Geschicklichkeitsspiel zu entwickeln, bedingt, dass es kein solches Kartenspiel geben kann, von dem ein Brettspiel abgekoppelt werden könnte. Andersrum könnte auch kein Kartenspiel von solch einem Brettspiel abgekoppelt werden.
13. Mai 2007, 12:31
Das mit der 3-D-Landschaft war mein Gedanke, als ich den dreidimensionalen Aspekt ansprach. Dreidimensionale Topologie besteht nicht nur aus Koordinaten. Natürlich wäre eine Kartenspielfassung von Hinterhalt denkbar, wo die Löcher als Koordinaten dargestellt werden – aber das ist wohl kaum noch spielbar. Es sei denn, man spielt regelmässig Schach mit verbundenen Augen…
15. Mai 2007, 10:41
Ok, dann hatte ich das nicht ganz so verstanden, wie du es gemeint hattest. Aber wir sind uns ja einig geworden
Hinterhalt kenne ich btw. nicht, kann da also nichts zu sagen.
15. Juli 2007, 12:13
ich finde es auch schade dass die tollen spezialbrettspiele nicht mehr im trend sind. so ein bisschen was mit spezialeffekten hat doch immer die ganze rund zum lachen gebracht. wird wohl alles der computer verdraengt haben und die spielehersteller wollen erst recht “back to the roots”