Mai 06

Metamorphosen

Peer Sylvester,  2007      

Kaum habe ich es erwähnt, schon flatterte es auf den Tisch: Zooloretto. Wer ausschließlich an Eindruck, Fazit und Spielablauf und so interessiert ist, möge einen Teil des folgenden Textes ignorieren.

Zooloretto ist nun die Brettspielvariante eines Kartenspieles und das ist ein ungewöhnlicher Weg. Der umgekehrte Weg -vom Brett zum Kartenspiel – ist da weitaus üblicher. Warum?
Nun, eine Kartenspielversion hat verschiedene Gründe:

- Das Sparen von Material: Wo sich eine 1:1 Neuauflage eines Brettspieles wohl nicht mehr verkauft müssen neue Anreize geschaffen werden (über Luxusausgaben hatte ich ja schon gesprochen). Ein möglicher Anreiz ist es eine günstigere Version zu schaffen. Und ein Kartenspiel ist da eine mögliche Methode (Beispiele wären Intrige von Amigo oder die Ogalalla-Kartenspielversion) und kann einem guten Spiel einen “zweiten Frühling” beschaffen (Garantiert ist das nicht: Sie Razzia/Ra).

- Kartenspiel als Konzentrat: Manchmal soll mit einem Kartenspiel die Essenz des Brettspieles transportiert werden. Wie beim letzten Beispiel gehts da in erster Linie um das Sparen von Material, aber zusätzlich wird auch beim Mechanismus alles Überflüssige entfernt. Beispiele sind z.B. die Inkognito und Cluedo Kartenspielversionen. Bei den jeweiligen Vorlagen liegt im Prinzip ein Kartenspielmechanismus vor, der jedoch mit viel Chrom verpackt wird. Wenn man den weglässt erhält man ein Kartenspiel. Die Gefahr ist jedoch, dass das Spiel nur noch Puristen gefällt (Das Ingkognito-Brettspiel lebte auch stark von der Athmosphäre) oder gar nicht mehr richtig funktioniert (Cafe International). Ein gutes Beispiel ist Zatre-Das Kartenspiel, dass sich anders spielt, als das Original, aber dennoch die Essenz einfängt. Auch Canal Grande – das Kartenspiel zu San Marco – gefällt mir gut (was aber paradoxerweise auch daran liegt, dass ich das Brettspiel nicht mag).

- Kartenspiel als einfachere Version: Manchmal nehmen die Verlage auch ein erfolgreiches Vielspieler-Brettspiel und vereinfachen es zu einer Kartenspielversion. Bestes Beispiel ist natürlich San Juan, als kleiner Bruder von Puerto Rico oder das in kürze erscheinende Caylus-Kartenspiel Magna Carta. Die Gefahr bei einer solchen Umsetzung ist natürlich dass beim Transfer vom komplexen zum einfachen das wesentliche flöten geht, das was das Urspiel ausgemacht hat weg ist. Bei SJ war das glücklicherweise nicht der Fall.

-Kartenspiel als ganz eigenständiges Spiel: Da wäre z.B. das Siedler-Kartenspiel. Etwas ganz anderes als das Ursiedler, etwas mit einem GRundmechanismus, aber der Rest ist anders. Das Brettspiel nutzt Brettspielmechanismen, das Kartenspiel Kartenspielmechanismen. Hier liegt wirklich mehr vor als nur eine Umsetzung.

Nun aber zum umgekehrten Fall: Brett- zum Kartenspiel. Der Grund ist natürlich klar: Gewinn zu erwirtschaften und das ist ein legitimer Grund. Doch aus spielerischer Sicht: Wo liegen die Vorteile? Material wird ja schon einmal nicht eingespart, im Gegenteil. Natürlich gibt es Kartenspiele, wo zusätzliches Material sehr gut denkbar wäre, z.B. Verräter. Aber bei den bisherigen Brettspielumsetzungen der letzten Zeit (Zoloretto, Bohnhansa, Tanz der Hornochsen) war das nun nicht unbedingt der Fall. Folglich muss Material hinzuerfunden werden und das wird sehr schnell als “Überflüssig” wahrgenommen: Ob man bei Tanz der Hornochsen jetzt Plättchen oder Karten hat ist letztlich egal (Anmerkung: Da ich Bohnhansa nicht gespielt habe, lasse ich es bei meinen nachfolgenden Betrachtungen weg). Dasselbe gilt für Zooloretto, besonders für die Holzwagen.
Als einziges sinnvolles Assessoir dient nun das Brett das eine differenziertere Wertung erlaubt.
Und da sind wir bei des Pudels Kern:

Die genannten Kartenspiele sind allesamt leichte Kost, die gerade durch einen pfiffigen Mechanismus bestechen. Jetzt gibt es bei der Umsetzung das Dilemma: Ich muss den Mechanismus auch im Brettspiel nutzen, sonst hat das Spiel nix mit der Vorlage zu tun. Der Witz des Urspiels war es aber gerade einfach zu sein, also darf das Brettspiel nicht viel schwieriger werden. Dann bleibt mir als Autoren aber nicht viel Spielraum.
Fazit: eine neue Wertung oder -wie bei Zooloretto - ein paar neue Beschränkungen und ein paar Sonderplättchen. Das Resultat spielt sich in der Tat fast wie das Kartenspiel, im Falle von Zooloretto vielleicht noch ein Zacken schärfer. Aber: Bedarf es da eines neuen Spieles? Kaum.
Zooloretto ist ein schönes Beispiel. Es sieht gut aus, hat ein passendes Thema und bietet im Vergleich zum Urspiel ein weiteres Dilemma (wer zu viel einer Sorte hat, bekommt ebenfalls Minuspunkte). Doch letztlich ist es nur Coloretto. In der flachen Abacusschachtel für 15€ hätte ich es mir vielleicht noch zugelegt, aber es spielt in einer Preisklasse wie z.B. Notre Dame. Und da kann es nicht mithalten. Ich hab es in Prinzip schon. Dasselbe gilt im übrigen fast genauso für Tanz der Hornochsen: Gutes Spiel, aber eben nur 6 nimmt! als Brettspiel.

Es bleibt also noch aus: Eine wirklich gelunge Transportation von Karten- zu Brettspiel. Eine die wirklich neue Zielgruppen anspricht. Quasi sowas wie das Siedler-Kartenspiel. Nur eben umgekehrt…

ciao
peer